Der gemeinsame digitale Trauermarsch

547px-Michael-jackson-vector-2

Es sollte sein großes Comeback werden. Die anstehenden 50 Konzerte waren bereits alle in Rekordzeit ausverkauft. Sie werden abgesagt werden müssen. Gestern, am Donnerstag, den 25. Juni 2009, verstarb Michael Joseph Jackson in einem Krankenhaus in Los Angeles – vermutlich an Herzversagen.

Es war still um ihn geworden in den vergangenen Jahren. Der „King of Pop“ hatte eher durch Vorwürfe des Kindesmissbrauchs und plastische Operationen von sich hören gemacht, als durch Hits und spektakuläre Auftritte. Der Versuch, noch einmal durchzustarten, scheiterte beim letzten öffentlichen Konzert im Jahr 2001. All dies spielt nun keine Rolle mehr. Jacksons Tod löste weltweit eine neue und zugleich bekannte Form der Verehrung aus. Vom Genie sprechen die Medien, vom Größten, von einer Ikone.

Wie erklärt sich der weltweite kollektive Trauerflor der medialen Landschaft? Bereits in der vergangenen Nacht wurde der Michael Jackson zur unsterblichen Legende erhoben. Er ist nun einer jener, die wir ähnlich berührt betrauert haben: Elvis, John Lennon, Kurt Cobain. Und doch gibt es einen Unterschied, einen Unterschied beim Trauern.
Wurde noch vor rund zehn Jahren vor allem öffentlich getrauert – durch das Ablegen von Blumen, Postern und Andenken, mit Mahnwachen oder Versammlungen, durch das Aufstellen von Kerzen – zeigt sich die Anteilnahme und Bestürzung über den Tod von Michael Jackson vermehrt in das Internet.

Natürlich versammeln sich die Fans von Jackson, trauern gemeinsam, geben sich im persönlichen Gespräch Halt. Doch zudem entwickelte sich bereits mit der ersten Nachricht über den Tod des Stars eine ganz eigene Trauerbewegung im Web. Eine wahre Flut von persönlichen Äußerungen in Blogs und Chatdiensten bildet nun die individuelle Auseinandersetzung der globalen Community ab. Das Internet bietet allen, die es möchten, einen Platz zum Trauern, zum gemeinsamen Trauern, dass trotz der Vernetztheit niemanden uninformiert und somit umso mehr berührt.
Schnell schrumpfte die Welt zum virtuellen Dorf zusammen und versammelte sich zum gemeinsamen digitalen Trauermarsch. So titeln heute viele Zeitungen: „Die Twitter-Gemeinde trauert.“ Eine Gemeinde? Trauerbewältigung scheint auch weiterhin kirchlich konnotiert zu sein. Die geschockte Community wird zur Gemeinde. Und dennoch findet die Trauerfeier nicht in Kirchen, sondern in der vernetzten Welt der Social Networks statt. Dort zelebrieren die Trauernden nach ihrer eigenen Liturgie neue Trauerformen.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

drei × 1 =

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.