Wie im Himmel so auf Erden

 

Kürzlich habe ich bei der Wettervorhersage im Fernsehen ein neues Wort gelernt: Inversionswetterlage. Oder wie der freundliche Meteorologe noch erklärend hinzufügte: „Unten pfui und oben hui“.

Besonders in der kälteren Jahreszeit tritt dieses Phänomen zuweilen auf: Unten in Bodennähe dicke Suppe mit Nebel, Abgasen und grau in grau und ein bisschen höher dann strahlender Sonnenschein, blauer Himmel und endlos erscheinende Fernsicht. Aus meiner Laiensicht erklärt, hat diese Wetterlage mit unterschiedlichen Lufttemperaturen in den Schichten zu tun. Unten in Bodennähe kann die schwache Wintersonne die Luft nicht ausreichend erwärmen, Grund dafür sind oft Abgase und Smog. Eine Dunstglocke bildet sich, die eine wärmere Luftschicht oberhalb abschottet. Dadurch wird eine Vermischung verhindert. So wird unser Wetter im Querschnitt zu einem gut geschichteten Latte Macchiato.

Das ist letztlich auch oft mein Bild von oben und unten, von Himmel und Erde. Es scheinen zwei völlig getrennte Bereiche zu sein. Mein Lebensbereich hier und das „Andere“, der Himmel dort. Ich habe zwar nicht immer den Eindruck, hier im Trüben sitzen, in meiner Dunstglocke aus täglichen Grau in Grau, aber dennoch hält sich in mir die Vorstellung, dass es „da oben“ irgendwie immer schöner und besser sein muss, als hier.

Das löst natürlich Neugier aus. Wie sieht es „da oben“ aus?

Aufgewachsen auf dem platten Land, kann ich mich erinnern, dass ich als Kind oft versucht habe, den Himmel zu erreichen. Nur, ähnlich wie beim Regenbogen, bin ich beim Himmel nie angekommen. Ich konnte mit meinem Kinderbeinchen so weit und schnell laufen wie ich wollte, mit jedem meiner Schritte verschob sich der Himmel weiter. Was blieb, war mein beschränkter Horizont. Auch später bei den ersten Flugreisen klebte ich am Fenster des Flugzeuges. Ich sah viel Blau, vereinzelte Wolken, aber den Himmel, so wie ich ihn mir vorgestellt hatte, sah ich nicht.

Dabei hätte ich gar nicht beschreiben können, wie ich mir den Himmel ausmalte. Aber ich war mir sicher, dass es neben dem Himmel über mir doch noch den „anderen Himmel“ geben muss. Da wo das Paradies ist, wo Gott wohnt und wo meine Katze hinkam, als sie starb.

Kein Wunder, dass die Engländer zwei verschiedene Worte für den Himmel haben. Sie unterscheiden Skyund Heaven. Während der Sky das sichtbare und naturwissenschaftlich greifbare Firmament, den blauen Himmel bei Tag und das Sternenzelt bei Nacht meint, ist der Heaven vielmehr eine theologische Größe. Das ganz Andere.

Letztlich komme ich mit beidem, dem Sky und dem Heaven an meine Vorstellungsgrenzen.

An einem Tag mit heftiger Inversionswetterlage, wenn ich hier im Grau in Grau am Boden festsitze, kann ich mir nur schwer vorstellen, dass über dem Nebel und der Wolkendecke die Sonne am blauen Skyscheint.

Nochmal schwerer ist dann für mich die Vorstellung, vom Heaven. Jener aufgeladene Sehnsuchtsort, auf den wir alles projizieren, was wir im hier und jetzt schlecht abbilden können. Und auch wenn uns die Bibel immer wieder verspricht „Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen“ ist es doch für mich oft so weit weg. Es ist und bleibt „das Andere.“

Die Bibel zeichnet mit Jesus eine Brückenfigur, die unsere statischen Zuschreibungen auflöst. Einen Gott, der auf die Erde kommt und somit unsere irdische Inversionswetterlage gehörig aufwirbelt. Er durchbricht die Schichten, indem er durch sich selbst das unten mit dem oben verbindet. In ihm kommt uns der Himmel nahe. Dieser Himmel auf Erden ändert sich auch nicht nach seinem vermeintlichen irdischen Ende. Vierzig Tage nach Tod und Auferstehung, verabschiedet sich Jesus von seinen Freunden, indem er ihnen Mut macht, von ihren Erfahrungen mit dem lebendigen Gott zu erzählen. „Ihr seid meine Zeuginnen und Zeugen. Traut euch, zu berichten, was ihr erlebt und gehört habt. Lahme gehen, Stumme reden, Taube hören und Tote stehen auf. Wir sind verbunden durch die Liebe und sie hört niemals auf.“ Das sagt Jesus und verabschiedet sich himmelwärts.

Im ersten Jahrtausend hat sich unter den Künstlerinnen und Künstlern für dieses Himmelfahrtsereignis eine ungewöhnliche Darstellung etabliert. Der sogenannte entschwindende Christus. Jesus wird, anders in den Jahrhunderten zuvor, nicht sichtbar von Engeln emporgehoben und schwebt auch nicht in einer gleißenden Wolke davon, es werden allein Jesu Füße dargestellt. Sie stehen deutlich im Mittelpunkt. Man hat fast das Gefühl, als sei es eine Momentaufnahme, ein Schnappschuss. Kopf und Oberkörper sind schon aus dem Bildrahmen entschwunden, einzig die Füße sind noch zu sehen.

Oft werden zusätzlich noch zwei Fußabdrücke auf dem Boden unter Jesus dargestellt. So wollten die Künstlerinnen und Künstler damals beweisen, dass es kein Geist war, der gen Himmel stieg, sondern der wiederauferstandene Christus. Ihnen war wichtig hervorzuheben, dass Jesus seine Spur auf Erden hinterlassen hat, Fußstapfen in denen wir wandeln können.

Wenn ich an Himmelfahrt denke, merke ich, wie mein Fokus oft allein auf dem Himmel liegt, mein Blick geht in die Höhe, weit weg. Dabei steckt in Himmelfahrt auch der Himmel auf Erden.

Vielleicht nehme ich diese Spur in diesem Jahr an Himmelfahrt einmal auf: Jesu Fußabdrücke nicht nur im Himmel zu vermuten, sondern den Himmel überall dort wahrzunehmen, wo ich Jesu Fußspuren ahne.

Ich nehme mir für dieses Jahr einmal ganz bewusst vor, nach Gottes Fußspuren Ausschau zu halten und bewusst in ihnen gehen. Da, wo ich wie in einer Momentaufnahme nur noch seine Füße entschwinden sehe, als hätte ich ihn gerade auf frischer Tat ertappt.

 

(Dieser Artikel erschien im Magazin zum Kirchenjahr von Andere Zeiten zum Thema Himmelfahrt 2018).

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Gedanke zu »Wie im Himmel so auf Erden«

  1. Lilli sagt:

    Danke, liebe Sandra!
    Das ist eine gutes Vorhaben: Gott da zu sehen wo er ist. Hier auf der Erde. In und um uns.
    Liebe Grüße
    Lilli

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