Ein Haufen Scheiße

”Eine Predigt zu Phil 3,7-14, die ich am 24. Juli 2016 (9. So. n. Trin., Reihe II) in der Christuskirche in Eilpe gehalten habe.

Achtung Explicit Lyrics.

Ein Haufen Scheiße

 

  

 

Friede sei mit euch von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

sie kennen sicher diese Momente aus dem amerikanischen Fernsehen, wo es immer piept. Und zwar immer dann, wenn etwas zensiert wird. Meistens hat da jemand ein sehr loses Mundwerk und das Fluchen wird dann jeweils weggepiepst. In manchen Interviews oder Sendungen bleibt dann vor lauter Piepen fast kein Wort mehr übrig. Ich warne Sie jetzt mal vor, liebe Gemeinde. Ich werde gleich auch fluchen, und zwar hier auf der Kanzel. Ich kündige es schon einmal an: Es wird gleich hier in der Predigt richtig derbe werden. Mindestens so, dass man die Worte, die ich gleich hier sage, im amerikanischen Fernsehen wegpiepen würde. Denn worum es heute in der Predigt geht, ist Scheiße.

Scheiße. Das möchte ich auf der Kanzel hier mal ganz deutlich sagen: Scheiße.

Und einige werden jetzt sicherlich denken, oh je, wen hat da denn das Presbyterium da als Gastpredigerin eingeladen? Die Pastorin kann doch nicht im Gottesdienst Scheiße sagen. Aber ich kann Sie beruhigen, liebe Gemeinde, nicht ich sage Scheiße, sondern Paulus. Ich zitiere bloß unseren Predigttext. Denn darin geht es um σκύβαλα. Dieses griechische Wort hat Luther mit „Dreck“ übersetzt. Genauso wie viele andere Bibelübersetzungen. Die Neue Genfer Übersetzung der Bibel spricht von „Müll“, die Einheitsübersetzung sagt „Unrat“, die Bibel in gerechter Sprache übersetzt mit „feuchter Dreck“ und die Bibelübersetzung der Volxbibel eben mit „ein Haufen Scheiße“.

…und ist damit wirklich sehr nah am Wortsinn von diesem griechischen Wort σκύβαλα dran. Σκύον der Hund, βαλλο werfen. Also, entweder, das, was man dem Hund an Speiseresten hinwirft oder das, was der Hund dann wiederum (danach) fallenlässt. Sie wissen, was ich meine. Sie können sich somit entscheiden, ob sie im folgenden eher an einen Schweineeimer denken wollen oder an einen Hundehaufen, auf jeden Fall benutzt Paulus genau dieses drastische Bild und diesen sehr vulgären und derben Ausdruck in unserem Predigttext, den wir gerade schon als Epistellesung gehört haben. Ich lese noch einmal ein kleines Stück daraus.

Philipper 3, die Verse 7 folgende:

7 Genau die Dinge, die ich damals für einen Gewinn hielt, haben mir – wenn ich es von Christus her ansehe – nichts als Verlust gebracht.

8 Mehr noch: Jesus Christus, meinen Herrn, zu kennen ist etwas so unüberbietbar Großes, dass ich, wenn ich mich auf irgendetwas anderes verlassen würde, nur verlieren könnte. Seinetwegen habe ich allem, was mir früher ein Gewinn zu sein schien, den Rücken gekehrt; es ist in meinen Augen nichts anderes als Müll.

Müll: Unrat, feuchter Dreck oder eben ein Haufen Scheiße. Das scheint ja eine ganz schöne Lebenswende zu sein, von der der Apostel Paulus da berichtet, wenn er so einen drastischen Ausdruck benutzt, um sich von seinem vergangenen Leben zu distanzieren. Lassen Sie uns einmal genauer hinsehen.

Paulus schreibt einen Brief an seine Lieblingsgemeinde in Philippi. Er hatte die Gemeinde auf seiner zweiten Missionsreise selbst gegründet. Immer wieder kommen ja in der Bibel Geschichten aus Philippi vor. Vielleicht erinnern sie sich an die Purpurhändlerin Lydia oder den Gefängnisaufseher des Gefängnisses, in dem Paulus mal einsaß oder an eine Wahrsagerin, die von einem bösen Geist befreit wird. Alles Menschen aus Philippi. Wir hören von Philippi als Gemeinde immer wieder im Zusammenhang mit einem tollen Mix unterschiedlichster Christinnen und Christen aus verschiedenen Milieus und Hintergründen,  die ihren christlichen Glauben mutig leben. Quasi als eine Art Kontrastgesellschaft, eine Gemeinde, die nach außen strahlt. Aber genau diese Kontrastgesellschaft wird nun scheinbar müde, lethargisch und träge. Die Gemeinde droht ins „gut Bürgerliche“, in die Anpassung zurückzufallen: Jeder sucht erst einmal nach dem eigenen Gewinn und Erfolg, das Streben nach Sicherheit, nach Geld auf der hohen Kante. Schließlich kann Paulus nicht mehr länger zusehen, auch nicht um des lieben Friedens willen. Und er schreibt eben diesen Brief an die Philipper und redet seinen Freundinnen und Freunden darin ins Gewissen und zwar anhand seiner eigenen Erfahrungen. Er schreibt:

Allem, was mir früher ein Gewinn zu sein schien, habe ich den Rücken gekehrt; es ist in meinen Augen nichts anderes als Müll.

Paulus ist ganz ehrlich und redet Klartext. Er berichtet aus seinem vorherigen Leben, von seinem Streben nach Erfolg, Glück, Gewinn. Und darin ist Paulus ja auch nix besonderes. Kommt uns sicherlich bekannt vor. Mit Blick auf sein eigenes Leben formuliert Paulus nämlich eine typisch menschliche Suche oder Sehnsucht: Nämlich das Streben das letztlich immer wieder die grundsätzliche Frage stellt:

Wofür lebe ich eigentlich? Wozu das Ganze? Was ist das wichtigste in meinem Leben?

Bei Paulus war dieses Streben nach Erfolg nicht messbar in Geld, Autos, tollen Urlaubsreisen und auch nicht in Familienglück, wohlgeratenen Kindern und auch nicht anhand des Gewichts auf der Waage, Platzierungen bei Sportwettkämpfen oder dem Pokemon Go – Highscore. Nein, Paulus strebte nach einer perfekten Erfüllung des Gesetzes. Er versuchte möglichst fleißig, engagiert, man kann vielleicht auch sagen fundamentalistisch die religiösen Gesetze einzuhalten. Er bildete sich ein, je radikaler er die Gesetze befolgte, desto mehr Erfolg würde ihm das bei Gott einbringen. Und eben genau diesem Lebensabschnitt kehrt Paulus sehr drastisch den Rücken. Und das sagt er ja ganz deutlich, wenn Sie sich erinnern. „Alles scheiße“ Ein solchen Leben bringt nicht Erfolg, Ruhm und Ehre, sondern σκύβαλα.

Paulus macht seine krasse Lebenswende letztlich fest an Christus. Er sagt:

Darum will ich nichts mehr wissen von jener Gerechtigkeit, die sich auf das Gesetz gründet und die ich mir durch eigene Leistungen erwerbe.

Vielmehr geht es mir um die Gerechtigkeit, die uns durch den Glauben an Christus geschenkt wird – die Gerechtigkeit, die von Gott kommt und deren Grundlage der Glaube ist.

Liebe Gemeinde, nächstes Jahr feiern wir ja 500 Jahre Reformation und gedenken eben jener reformatorischen Theologie ähnlich wie bei der Lebenswende von Paulus gefragt hat:

Wofür lebe ich eigentlich? Wozu das Ganze? Was ist das wichtigste in meinem Leben?

Basierend auf unseren Predigttext und auch auf einige andere zentrale Texte entwickelt Luther dann eine Theologie die sich genau mit diesen Fragen befasst. Passt das Leben das ich lebe eigentlich zu meinem Christsein? Woran kann ich ein erfolgreiches Leben messen?

Und Luther sagt dazu (unter anderem): sola gratia, sola fide, solus Christus. Allein Gnade, allein Glauben, allein Christus. Ein erfolgreiches Leben vor Gott, Rechtfertigung, ist nicht von unseren Werken abhängig, sondern sola gratia, sola fide, solus Christus. Nur von Gnade und nur vom Glauben, nur von Christus. Das heißt: Wir können uns strecken nach Reichtum und Macht, wir können uns auch religiös verrenken und verausgaben wie der frühe Paulus, Gott interessiert das alles sehr wenig.

Wir können uns bei Gott nichts zu verdienen und wir können uns auch auf nichts etwas einzubilden. Wir sind Gottes Gnade macht-los sozusagen auch ausgeliefert. Wo wir sonst im Leben gewohnt sind, dass sich Arbeit und Engagement auszahlen, und jedes Handy Schrittzähler hat und die Menschen im Selbstoptimierungswahn Uhren tragen, die die zurückgelegten Treppenstufen zählen, muss Gott nur belustigt schmunzeln. Gott misst uns eben nicht anhand unseres Tuns, sondern schaut immer zufrieden und gnädig auf uns, egal ob wir uns angestrengt haben oder nicht. Es gibt keine Paybackpunkte im Himmelreich, frommes Handeln zahlt sich nicht aus. Es ist eher… σκύβαλα, Sie erinnern sich.

Gut, das sind ja eigentlich gute Nachrichten. Wir müssen uns nicht verrenken. Gott liebt uns, so wie wir sind. Das wissen wir seit Anbeginn der Schöpfung („Siehe, es war sehr gut“), seit Jesus („Es ist vollbracht“), seit Paulus,(„Der Gerechte wird aus Glauben leben“) seit Luther („sola gratia, sola fide, solus Christus“). Immer wieder in der Geschichte haut diese Erkenntnis Menschen von den Socken. Gott liebt uns, so wie wir sind. Wir müssen uns nicht anstrengen. Aber leben wir danach? Sieht man das an dem Leben, das wir führen?

Vor ein paar Jahren kam ein Buch der Palliativpflegerin Bronnie Ware heraus. Darin entfaltet sie die fünf Dinge, die Sterbende am meisten an ihrem Lebensende bedauern. Die Autorin hat im Rahmen ihrer Arbeit viele Menschen am Sterbebett bis zum Tod begleitet und hörte in den unzähligen Gesprächen stets von ähnlichen Enttäuschungen. Und oft hörte sie die Selbstvorwürfe am Ende des Lebens, weil manche Erkenntnis erst kam, als es bereits zu spät war. Wäre ich doch bloß, … Hätte ich doch bloß… HätteHätteFahrradkette.

Die fünf Dinge, die die Menschen am Sterbebett mit Blick auf ihr Leben am häufigsten bereuten waren:

  • Ich wünschte, ich hätte mehr Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben.
  • Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet.
  • Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meine Gefühle auszudrücken.
  • Ich wünschte, ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden und meiner Familie aufrechterhalten.
  • Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein.

Wenn man zusammenfassend draufschaut: Nur ein einziger Punkt dreht sich um etwas, das man getan hat, bzw. eben nicht getan hat:  („Ich wünschte ich hätte weniger gearbeitet“). Es sind also nicht so sehr die großen und kleinen Träume wie Weltreisen, schicke Häuser, körperliche Fitness oder Geld, deren Fehlen Menschen auf ihrem Sterbebett bereuen, sondern die unerfüllten zwischenmenschlichen Dinge. Beim Lesen des Buches von Bronnie Ware drängt sich der Eindruck auf, dass der Großteil der Menschen in einem Gestrüpp aus Alltag, Familienpflichten, Geldverdienen und anderen „äußeren Umständen“ festhängt, die den Weg zu den wichtigen Dingen versperrt.

Was heißt das für uns. Sollen wir jetzt alle aus dem Hamsterrad Alltag ausbrechen? Alle als Aussteiger in die Wälder ziehen, um uns dem Leistungsdruck der Gesellschaft zu entziehen? Dafür gibt es übrigens auch schon ein neues Wort: „Downshifting.“ Also quasi einen Ganz runterschalten.

Ich glaube darum geht es nicht. Denn hier kommt das Evangelium ins Spiel, das wir gerade in der Lesung gehört haben. Hier kommen die Talente, die Gaben, Interessen und Stärken ins Spiel, die Gott uns anvertraut hat. Gott schenkt uns die ja nicht aus Jux und Dollerei. Er hofft, dass wir die einsetzen. Aber eben nicht, um FÜR UNS. Nicht selbstzentriert für unser eigenes Hamsterrad des schneller, weiter, höher. Für die eigene Karriereleiter zum Erfolg. Denn Gott vertraut uns Begabungen und Stärken an, damit andere etwas davon haben. Der Fokus liegt nicht auf uns. Sondern auf der Verantwortung für andere.

Deshalb schimpft Paulus mit der Gemeinde in Philippi. Sie nehmen alles mit, was Gott im Angebot hat, freuen sich an seinem Segen, seiner Fürsorge. Und wenn sie ihre Begabungen einsetzen, dann nur für einen internen Wettbewerb der guten Taten und frommen Dienste innerhalb der Gemeinde. Paulus wünscht der Gemeinde die alte Haltung zurück. Das Großzügige, soziale, wohltätige, dass den Gewinn der Gaben und den Erfolg der Gemeinschaft nicht auf den Einzelnen beschränkt, sondern die anderen, die Nachbarn, die Freunde und Bekannten die ganze Stadt im Blick hat. Und damit wird es eben kompliziert, weil wir beides gleichzeitig denken müssen. Im Zusammenhang. Gott liebt uns, unabhängig davon, was wir leisten oder nicht. Aber er schenkt uns Ressourcen, Begabungen, Stärken von denen er sich wünscht, dass wir sie in seinem Sinne einsetzen. Gottes gnädiger Blick ist eben kein Freibrief, die Hände in Schoß zu legen und lethargisch nichts mehr zu tun, sondern im Gegenteil die Freiheit, uns zu verschenken.

Das schwierige ist nur, darauf zu vertrauen, dass sich das lohnt. Das schwierige ist, zu glauben, dass dieses Verschenken der eigenen Ressourcen und Gaben mehr bringt als fleißiges Abrackern um uns absichern. Aber da will Paulus uns den Druck nehmen. Er sagt:

12 Es ist also nicht etwa so, dass ich das alles schon erreicht hätte und schon am Ziel wäre. Aber ich setze alles daran, ans Ziel zu kommen. 13 Geschwister, ich bilde mir nicht ein, das Ziel schon erreicht zu haben. Eins aber tue ich: Ich lasse das, was hinter mir liegt, bewusst zurück, konzentriere mich völlig auf das, was vor mir liegt,

14 und laufe mit ganzer Kraft dem Ziel entgegen, um den Siegespreis zu bekommen – den Preis, der in der Teilhabe an der himmlischen Welt besteht, zu der uns Gott durch Jesus Christus berufen hat.

Paulus sagt zum einen, wie es auf jeden Fall nicht geht, was σκύβαλα, also Scheiße ist und auch Bronnie Ware sagt, dass es sich lohnt, immer mal wieder zwischendurch zu überlegen, worum es im Leben geht. Aber letztlich jagen wir, also Paulus, und Bronnie und wir alle dem nach. Dem Leben. Paulus möchte uns nicht zu radikalen Fundamentalisten machen, die Dinge tun oder nicht tun, für Gott. Sondern Paulus wirbt dafür, dass wir sprachfähig werden über das Leben, dass wir führen.

Wofür lebe ich eigentlich? Wozu das Ganze? Was ist das wichtigste in meinem Leben?

Und Paulus, der sich sonst sehr wohl angemessen auszudrücken weiß, wird deshalb so vulgär, damit wir hinhören. Damit wir hören, dass ein Leben, das nur fokussiert ist auf die eigene Karriere, den eigenen Erfolg und das Ansehen einfach σκύβαλα ist. Scheiße. Paulus wünscht uns große und kleine Lebenswenden, damit wir nicht auf erst auf dem Sterbebett beginnen, nachzudenken. Denn, wenn wir vorher nachdenken, ist das Sterbebett nicht das Ende.

13 Geschwister, ich bilde mir nicht ein, das Ziel schon erreicht zu haben. Eins aber tue ich: Ich lasse das, was hinter mir liegt, bewusst zurück, konzentriere mich völlig auf das, was vor mir liegt,

14 und laufe mit ganzer Kraft dem Ziel entgegen, um den Siegespreis zu bekommen – den Preis, der in der Teilhabe an der himmlischen Welt besteht, zu der uns Gott durch Jesus Christus berufen hat.

Amen.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.

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2 Gedanken zu »Ein Haufen Scheiße«

  1. Was für eine interessante Predigt. Schön geschrieben und schön anzuhören.
    Ich frage mich, wie die Zuhörer reagiert haben ?

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