Einsatz in vier Wänden

Diese Predigt habe ich am 09. August 2015 in der Christusgemeinde Hagen, Eilpe zu Lukas 19, 41-48 gehalten.

   

     Friede sei mit euch von Gott unserem Vater,

     und dem Herrn Jesus Christus.

     Amen.

 

Liebe Gemeinde,

diesen Sonntag geht’s um einen „Einsatz in vier Wänden“. Wir werden jetzt in der Predigt mal ein wenig umdekorieren und umbauen, hier in der Kirche. Ich sehe, Sie haben ja schon mal ein wenig damit angefangen. Das sieht man hier ja schön am Absperrband. Die Heizung soll ja erneuert werden. Das ist schon mal eine gute Umbaumaßnahme.

Aber, lieber Gemeinde: Dabei wird es wohl heute wohl nicht bleiben. Denn im heutigen Predigttext für den 10. Sonntag nach Trinitatis gestaltet Jesus im Tempel so einiges neu. Er schmeißt Möbel um und prognostiziert den Jerusalemern sogar, dass bei ihrem Tempel kein Stein auf dem anderen bleiben wird.
Somit klingt das nach einer ziemlich großen Umbaumaßnahme.

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Aber gucken wir einmal genau in den Text.

Darin geht es ja um den Tempel. „Der Tempel“. Den kennen wir aus vielen biblischen Geschichten, aber was ist das genau? Der Tempel?

Schon im zweiten Buch der Bibel, dem Buch Exodus, hatte das Volk Israel eine Art transportablen und zerlegbaren Tempel. Es war ein Zeltheiligtum und wurde von den Wüstenwanderungen bis in die Zeit König Davids überall hin mitgenommen. Darin wurde das sogenannte Allerheiligste transportiert: Eine hölzerne Bundeslade mit allerlei Kultgegenständen und den Steintafeln mit den Zehn Geboten darin.

Später wurde dann unter König Salomo in Jerusalem zum ersten Mal ein richtiger feststehender Tempel gebaut. Der Kultort wurde quasi sesshaft. Davon können wir in der Bibel in den Büchern Könige und Chronik lesen. Besonders der Raum mit dem Allerheiligsten wurde sehr verehrt. Nur ein Mal im Jahr, am Tag Jom Kippur, war dieser Teil des Tempels einem Hohepriester zugänglich.

Aber nichts währt ewig. Dieser erste Tempel wurde von Babyloniern leider komplett zerstört. Nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil bauten die Israeliten aber den Tempel wieder auf. Dieser zweite Tempel war noch viel größer und prunkvoller als der erste. Im Krieg ist zwar das Allerheiligste, das eigentliche Zentrum des Tempels, zerstört worden, stattdessen hatte der Tempel nun einfach einen leeren Raum, der nun symbolisch verehrt wurde.

Und um diesen Tempel geht es, wenn wir im Predigttext vom Tempel lesen. Und da das Allerheiligste nur für den Hohepriester zugänglich war, geht es in unserem Predigttext, um genau zu sein auch nie um den ganzen Tempel, sondern nur um den inneren Vorhof des Tempels. Denn da haben ja eben nicht nur die Priester, sondern das gewöhnliche Volk Zugang. Von diesem Vorhof haben wir ja gerade auch im Psalm gehört, den wir gemeinsam gebetet haben. „Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen es Herrn.“ (Ps 84)

In diesem Vorhof des Tempels tummelte sich das Leben. Menschen kamen um zu beten oder um Gott ein Opfer zu bringen. Freud und Leid.

Zum Besuch des Tempels gehörte das Opfern immer zwingend dazu. Wer dazu nicht ein eigenes Tier mitgebracht hatte, konnte eines im Areal des Tempelvorhofs erwerben. Dort waren auch Geldwechsler.

Diese waren für Folgendes notwendig; das ist ganz interessant:
Wegen der jüdischen Gesetze durften Geldstücke, auf denen ein menschlicher Kopf geprägt war, weder im Tempel gespendet werden, noch zum Kauf von Opfern im Tempel benutzt werden. Dies wurde als  Götzendienst gewertet und war daher verboten.

Darum gab es dort geschäftstüchtige Geldwechsler, die die römische Währung (mit dem kaiserlichen Konterfei von Julius Cäsar), die ja verboten waren, in jüdische Schekel umtauschten, die nach jüdischen Geboten unbedenklich waren. Diese konnten nun geopfert werden oder dienten zum Erwerb von Opfertieren.

Wir kennen diesen Handel ja beispielsweise auch von Maria und Josef, die kurz nach der Geburt Jesu zum Tempel nach Jerusalem reisen, um dort aus Dankbarkeit zu opfern. Sie kaufen dazu im Tempel zwei Turteltauben. Das günstigste Brandopfer. Für mehr hat das Geld bei den beiden nicht gereicht.

Das sind also die Hintergründe zum Tempel, zum Opfern und zum ganzen Handel mit Geld und Opfertieren, die wir kennen müssen, um zu verstehen, worum es Jesus in unserem Predigttext geht.

Einiges davon wird uns vielleicht aus heutiger Sicht fremd erscheinen, liebe Gemeinde. Wir sollten aber unterscheiden zwischen einerseits er jahrhundertealten, gewachsenen jüdischen Opfertradition, als einem wichtigen Ausdruck spiritueller Praxis im Volk Israel: Das Opfern als Vergewisserung der Verbindung mit Gott. Und andererseits dem schlitzohrigen und windigen Treiben der Händler und Geldwechsler, denen es nicht um Spirituelles, sondern schlichtweg um die schnelle Mark ging.

Jesus scheint seine Probleme mit dem Treiben im Vorhof des Tempels zu haben. Im Predigttext heißt es:

„Jesus ging in den Tempel und fing an, alle hinauszuweisen, die dort Handel trieben.“

Diese Tempelreinigung kommt auch in den anderen Evangelien vor und dort ist Jesus noch viel deutlicher. Bei Matthäus und Markus schmeißt er alle Tische um und bei Johannes rennt er sogar mit einer Peitsche hinter der Menge her und treibt Käufer und Verkäufer mitsamt allen Tieren aus dem Tempel.

Ganz schön heftig, nicht wahr, liebe Gemeinde? Da haut Jesus ganz schön auf den Putz. Und. So kennen wir ihn ja sonst gar nicht. Sonst ist er ja immer eher der sanftmütige, barmherzige Jesus. Der Jesus der Bergpredigt. Aber hier scheint ihm wirklich mächtig der Kragen zu platzen. Er rastet vollkommen aus, in einer Art heiligem Zorn.

›Mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein. Ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht!«  sagt er.

Der Ort, der eigentlich dazu dienen soll, dass alle Menschen dort Gott begegnen können, ist zu einem kommerzialisierten Kultort geworden. Die Begegnung mit Gott wird zum Handelsobjekt und Machtinstrument. Kein Wunder, dass Jesus da ausrastet und wütend wird.

›Mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein. Ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht!«

Denn im Laufe der Jahrhunderte ist am ursprünglichen Ort des Tempels eine neue Ordnung gewachsen, die den eigentlich Zweck und Auftrag des Tempels pervertiert hat. Und genau das will Jesus zerstören.

Das heißt:
Er wirft nicht nur Tische um, sondern auch die kommerzialisierten Machtstrukturen. Er treibt nicht nur die Käufer und Verkäufer aus dem Tempel heraus, sondern auch die falsche Erwartung, dass Glaube ein Handelsobjekt ist. Er knallt nicht nur mit der Peitsche um sich, sondern knallt dem auch System, der Gesellschaft und der Kultur eine, und zwar dafür, dass sie Religion zu einem menschengemachten Kult gemacht haben.

Jesus gestaltet um. Nicht nur seinen Tempel. Es ist icht nur ein Einsatz in seinen vier Wänden. Nicht nur ein Wohnen nach seinem Wunsch. Sondern Jesus gestaltet generell um.

Und wie wäre das heute?

Überlegen Sie mal mit und stellen Sie sich mal vor:

Welche Tische würde Jesus heute umwerfen?
Wen würde er heute rausschmeißen?
Was würde Jesus heute mit heiligem Zorn erfüllen?

·      Heute, 2015 in Deutschland?

·      Heute der Christusgemeinde in Eilpe?

·      Heute in jedem und jeder von uns?

·      Wie leben wir? Wie sind wir Kirche?

Wie geht jeder und jede einzelne von uns mit Traditionen und gewachsenen Ordnungen um?

Nochmal: Welche Tische würde Jesus heute umwerfen? Wen würde er heute rausschmeißen? Was würde ihn heute mit heiligem Zorn erfüllen?

Jesus hat den Tempel mächtig umgestaltet.

So wie er sonst auch alles umgestaltet hat.
So wie beispielsweise bei ihm alle willkommen waren, die Lahmen und die Blinden, die Ausgestoßenen, die Verlorenen, – so hat er nun auch den Tempel umgestaltet.
Damit wieder Platz für alle ist. Nicht nur für die von Herzen Frommen, sondern auch für die, die sonst in der Welt nur herumkommandiert, beschimpft, verlacht und unterdrückt werden.
Jesus gestaltet um, damit alle Gott begegnen können. Denn dafür ist der Tempel doch eigentlich da. Das schienen die Menschen nur vergessen zu haben, weil sie so mit Geldwechseln und Taubenhandel beschäftigt waren.

Jesus gestaltet um.

Und diese Umgestaltung kann man in zwei Richtungen deuten:

Erstens: Auf uns alle gemeinsam, als Kirche, als Gemeinde.
Wo helfen wir in unserer Kirche diesem Jesus, der umgestaltet, damit Menschen Gott begegnen können? Und wo haben wir andersherum in unseren heutigen Tempeln die eigentliche Ordnung, den eigentlichen Sinn und Zweck aus dem Blick verloren? Hand aufs Herz!
Dienen unsere Kirchen heute noch dazu, dass darin alle Menschen Gott begegnen können? Und, dass Menschen darin Frieden finden, Ruhe, Schutz?

Ich provozier mal ein bisschen: Ehrlich gesagt, wundere ich mich in diesen Tagen, warum es keine Gemeinden gibt (jedenfalls habe ich noch von keiner gehört), die ihre Kirchgebäude als Flüchtlingsunterkünfte umbauen oder ihre Gemeindehäuser zumindest zum Teil oder temporär dafür zur Verfügung stellen. Ich glaube Jesus würde heute nicht Tische umwerfen, sondern die klobige Kirchenbänke an die Seite räumen, damit auf Feldbetten Raum für Menschen entsteht, die geflohen sind, die ein Dach über dem Kopf brauchen und Sicherheit. Wäre eine solche Nächstenliebe nicht auch eine Art von Gottesdienst? Wir sind nicht nur um 10:00 Uhr sonntags zum Gottesdienst gerufen, sondern auch zum Gottesdienst im Alltag der Welt. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Und, dass Jesus umgestaltet, das kann nicht nur auf uns in Kirche und Gemeinde hin deuten, sondern auch noch auf eine andere Richtung hin

Zweitens:

Wir können das ja auch auf uns selbst beziehen.

Das ist natürlich nicht so einfach. Als ich beispielsweise gerade über die Lahmen und Blinden gesprochen habe, da haben sicherlich die meisten von uns eher an „die anderen“ gedacht. Keiner von uns mag ja von sich selbst als blind und lahm denken. Oder als bedürftig, einsam, gescheitert, erfolglos…

Wir tun ja alles, damit wir auf Gottes Liebe und Hilfe nicht angewiesen sind. Ehrlich gesagt, steckt auch in mir ein Opfertierkäufer: Ich würde auch lieber eine Taube im Tempel opfern, als anzuerkennen, dass mich Gott auch ohne mein zutun liebt. Dann noch lieber etwas dafür bezahlen. Mir Gottes Liebe durch eine Gegenleistung halbwegs „erkaufen“ oder verdienen.

Aber so funktioniert das Geschäft mit Gott nicht.

Wenn Gott in Jesus Mensch wird, wie du und ich, dann brauchen wir keinen Handel zu treiben mit Gott.

Gott nimmt alles auf sich und schenkt uns seine Gnade. Denn Gnade ist immer ohne Gegenwert. Sonst wäre es keine Gnade. Gnade ist immer (s)ein Geschenk.

Bei Gott dürfen wir zugeben, blind und lahm zu sein. Und bedürftig und einsam und gescheitert und erfolglos, weil er uns begegnen will und uns heil macht ohne, dass es uns etwas kostet.

Und jeder, der damit ein Geschäft machen will, erfüllt Jesus mit heiligem Zorn.

Und dann wird in der Tat aus dem sonst sanftmütigen, ruhigen Zeitgenossen ein aufgebrachter Wirbelwind.

 

Jesus will umgestalten.

Weil Gott Menschen begegnen will und weil Gottes Liebe und Gnade allen Menschen ohne Gegenwert zugänglich gemacht werden soll.

So will Jesus uns und seine Kirche gestalten. Und wir dürfen ihm dabei helfen. Umgestalten, beim Renovieren, beim Tischrücken, beim Ausmisten und Rauschmeißen. Der freut sich, wenn wir alle mit anpacken.

Amen.

 

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft,

bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn.

 

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