Simul iustus et plagiator

 

In der letzten Zeit ist mir häufiger bei der morgendlichen Twitterlektüre der ein oder andere nette Tweet aufgefallen, den ich dann im Laufe des Tages in meiner Timeline mehrfach wiederfand – nur unter verschiedensten Urheberschaften anderer Accounts.

Wir kennen die Copy & Paste Kultur bei wissenschaftlichen Arbeiten, aus der Entwicklung neuer elektronischer Produkte und eben auch aus den sozialen Medien. Somit ist das eigentlich nichts wirklich neues. Mir geht es gar nicht so sehr um die rechtliche Ebene: die Urheberrechtsverletzung und den Diebstahl geistigen Eigentums. Dazu gibt es schon genug Beiträge.

Mir fällt nur auf, dass bisher wenig (wenn nicht gar nicht) über die anthropologische Ebene gesprochen wurde: Was für ein Bild habe ich von mir und meiner Selbstinszenierung im Netz und auch, welches Bild von „vernetzter Antropologie“ zeigt sich in meinem kommunikativen Miteinander? Was sagt es über mich und meine Vorstellung vernetzter Kommunikationsprozesse in den sozialen Medien aus, wenn ich mich ständig mit fremden Lorbeeren schmücke und bei Twitter und Facebook Favs und Likes abgreife, die ich nur dem Ideenklau zu verdanken habe? Eine solche Copycat Mentalität bereichert sich nicht nur unberechtigt selber, sondern zeigt auch keinerlei Respekt und Wertschätzung den Urhebenden gegenüber.

Es ist eben mehr als Technik

Bei Twitter kann man eigene Inhalte öffentlich teilen. Man kann jedoch auch Beiträge anderer veröffentlichen. Durch das Teilen von Fremdcontent als Retweet, veröffentlicht man den Tweet einer anderen Person in der eigenen Timeline. Zum einen vergrößert man dadurch die virale Streuung des fremden Inhalts, zum anderen macht man dadurch deutlich, selbst nicht Urheber oder Urheberin des Inhalts, sondern vielmehr wertschätzender Förderer oder Kuratorin des Inhalts zu sein.

Neben der Nutzung dieses sehr einfachen technischen Kniffs und dem Beherrschen einfachster Zitierregeln, offenbart sich gerade in der bewussten Auswahl der Veröffentlichungsart die Haltung des eigenen Accounts zur medialen Selbstinszenierung, zur Wertschätzung dem Anderen gegenüber und auch zur kommunikativen Vernetzung miteinander.

Retweet

Was ist ein Account, wenn er nur plagiierte Inhalte anderer zeigt? Banal und langweilig.

Was ist ein Account, wenn er neben eigenen Inhalten ab und an auch Inhalte anderer zeigt? Relevant und interessant, weil er eben auch Interesse an anderen zeigt.

Ergo: Das Interesse an anderen, macht interessant.

Retweet

Genau darin liegt ja auch der Unterschied zwischen Web 1.0 und Web 2.0. In der weiterentwickelten Form des Internets geht es nicht mehr um das reine Publizieren eigener Inhalte, sondern auch um den kommunikativen und interaktiven Prozess, in dem aus Lesern und Leserinnen Gesprächspartner und Gesprächspartnerinnen werden. Heute will niemand mehr zugeschwallt werden. Selbst die Tagesschau als Frontalformat bietet über Hashtags Interaktionsmöglichkeiten. Achtet man einmal bei Twitter- und Facebookaccounts auf die inhaltliche Selbstzentriertheit (Wie ist das Verhältnis eigener Inhalte zum Teilen fremder Inhalte und welche Interaktionsmöglichkeiten gibt es), wird einem zumeist recht schwindelig. Da werden moderne soziale Medien einfach nur one-way als Pressehalde genutzt und zudem noch ohne Kommentarfunktion.

 

Go tell it on the mountain

Mir ist aufgefallen, dass in meiner Timeline ein Großteil der Plagiierenden aus dem kirchlichen Umfeld kommt. Die meisten von ihnen sind hauptamtliche Pastoren und Pastorinnen. Also die, die mit Verkündigung und Kommunikation jeden Tag zu tun haben. Sie haben im Studium Zitierregeln und Homiletik gelernt, kopieren aber was das Zeug hält. In ihrem Berufsalltag gibt es eben unzählige Buchreihen und Internetforen zu Predigthilfen, die fertige Texte zur Verfügung stellen, es gibt Materialbörsen für fix und fertige Krippenspiele und es gibt geistreich.de, eine Ideentauschplattform der EKD.

Natürlich muss das Rad nicht immer neu erfunden werden, natürlich sind die Kolleginnen und Kollegen bis an die Belastungsgrenze überarbeitet und natürlich freuen sie sich über effiziente Unterstützung im Arbeitsalltag. Alles verständlich. Aber was sagt das stumpfes Plagiieren über unser Verhältnis zu uns selbst, unserer Arbeit und zur Leserschaft/Hörererschaft/Gemeinde aus? Lieber stumpf einen Text kopieren, als zu schweigen? – Vielleicht würde uns in unseren Kirchen manchmal gerade das Hören gut tun (Stichwort Missio dei). Wenn wir zu eingespannt und belastet sind und daher nicht mehr selbst kreativ sein können, kann doch besonders im Hören auf den anderen ein Schlüssel liegen.

Entscheidend ist dann jedoch, die Ideen und Inhalte nicht unverändert zu nutzen oder als eigene zu verkaufen, sondern entweder als Kurator dem Urheber eine Stimme zu geben (siehe oben) oder die Ideen und Inhalte anderer zu kontextualisieren.

 

Do it yourself und do it together

Alle großen Entwicklungen in unserer Zivilisation sind durch die Weiterentwicklung von Erfahrungen und dem Austausch von Wissen entstanden. Ganz egal ob in der Musik, der Architektur oder der Politik. Dieser Wandlungsprozess ist fluide und baut auf jeweils vorherigen Innovationen auf. Neues ist daher fast immer nur eine Weiterentwicklung oder Kontextualisierung älterer Ideen.

Ideen können und dürfen angepasst werden. Entwicklungen wie Creative Commons Lizenzen, mit denen Urheber ihre Ideen zur Verfügung stellen können, verhindern Ideenklau, ermöglichen aber auch eine größtmögliches Nutznießen an den Entwicklungen und Erfahrungen anderer. Ich wünsche mir, dass wir in unseren Kirchen eine solche Kultur entwickeln: mehr Lust am Entwickeln, Weiterentwickeln und Kontextualisieren. Und wenn wir einmal über andere Ideen stolpern, die wir selbst gern gehabt hätten, den Urheber dazu beglückwünschen und seine Geschichte erzählen, anstatt sich selbst damit zu schmücken. Und bei all dem, was ich in diesem Artikel geschrieben habe, fasse ich mir auch an die eigene Nase. Ich merke, dass sich in den letzten Jahren mein Verhalten auf Twitter in dieser Sache verändert hat. Vielleicht fällt mir daher auch manches so intensiv auf. Ich teile mehr, ich verweise anders und manchmal reicht mir auch das Hören.

 

 

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Ein Gedanke zu »Simul iustus et plagiator«

  1. Fabian sagt:

    Ich sehe es genauso: Die Mischung macht’s – und auch im „Web 2.0“ gehört richtige zitieren zum guten Ton.

    Außerdem bietet das „sich von anderen inspirieren lassen“ doch auch einen großen Vorteil: Man kann deren Gedanken, Ideen weiterentwickeln und weiterspinnen. So hat man zwei fliegen mit einer Klappe geschlagen, wenn man den Urheber der ursprünglichen Idee kenntlich macht und ihm dafür Anerkennung gibt. So bietet man Mehrwert und zeigt zugleich Interesse am anderen.

    Wie dem auch sei: Danke für den Beitrag!

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