Da ist nicht Mann noch Frau

Während des Kirchentages (und bei manchen auch danach) gab es einen Reverse-Aufschrei, der sich um die Saalmikrofoninnen und Saalmikrofone im Programmheft des Kirchentags drehte:

Saalmikrofoninnen DEKT

Viele regten sich auf, dass der Kirchentag, und die EKD, ja vielleicht sogar die ganze Gesellschaft vollkommen dem sog. „Genderwahn“ verfallen sei. Und dann stellte sich heraus:

ES WAR EIN SCHERZ!!! Ein Witz. Mehr nicht. Genauso wie die Papphockerinnen und Papphocker zuvor auch schon. Viele Kritikerinnen und Kritiker hatten gleich aufbrausend Bedeutungsschweres hineininterpretiert, aber letztlich war es nur ein launiger Lektoratscherz, der sich ins Heft geschlichen hat.

Aufgeladene Stimmung

Ich nehme gerade eine angespannte Atmosphäre bezüglich Genderthemen, Emanzipation und feministischen Fragestellungen wahr. Sowohl bei denen, die für einen reflektierteren Gebrauch von Sprache, wie z.B. geschlechtergerechte Sprache eintreten, als auch bei jenen, die dies für hinfällig und unnötig halten. Der Ton ist rauer geworden und die Fronten scheinen verhärtet. Dass bspw. bei den Saalmikrofoninnen niemand von einem Scherz ausgegangen ist, zeigt doch, wie verkopft die Diskussion mittlerweile ist. Und auch jetzt – nach der Aufklärung des Scherzes – scheinen sich die Wogen nicht zu beruhigen. Die einen sehen darin einen Affront an gendergerechter Sprache („Darüber macht man keine Scherze! Dafür ist der Hintergrund Diskriminierung viel zu ernst!“), die anderen hingegen, nehmen dies nur als Beweis für diese unnötige und künstliche Sprachverwurbelung.

Durch eine weitere Verhärtung der Fronten, wird jedoch verhindert, nüchtern und sachlich über die Themen zu reden: Darüber, dass man die Relevanz reflektierter geschlechtergerechter Sprache Studien entnehmen kann oder auch in der eigenen Auseinandersetzung bemerken kann. (Hand auf Herz, wie gehts euch bei dieser Geschichte? Geht ihr und euren eigenen Bildern selbst auf den Leim?) Und auch, dass es daher durchaus sinnvoll ist, die eigene Sprache einmal selbstkritisch zu durchleuchten.

Und gleichzeitig verhindert die Verhärtung der Fronten andererseits, dass wahrscheinlich niemand mehr zugeben mag, dass oftmals gendergerechte Sprache mit all ihren Feuerwehrmännern und Feuerwehrfrauen, Feuerwehr*, Feuerwehrmännern/-frauen, FeuerlöscherInnen und auch dem feuerlöschenden Personal beiderlei Geschlechts, total nervig ist und dass es schön wäre, gemeinsam nach eine Sprache zu suchen, die gerecht und zugleich alltagstauglich ist.

 

Tokenism

Zugleich merke ich, das unsere Sprache und unser Ringen darum, nur eine Ebene ist. Manches ist noch grundsätzlicher und liegt eigentlich noch tiefer. Denn in der letzten Zeit achte ich vermehrt auf die Settings, in denen ich beruflich als Pastorin oder Theologin eingeladen bin. Wie sehen dort die Mitstreiterinnen und Mitstreiter aus? Oftmals bin ich die einzige Frau. Die einzige junge Frau.

Dann freue ich mich besonders, weil ich eingeladen wurde: Als eine Frau unter vielen (oft deutlich älteren) Männern und frage mich gleichzeitig warum? Was ist meine Qualifikation hier zu sitzen? Bin ich vielleicht nur eingeladen worden, weil ich eine Frau bin? – „Ach dann sitzt wenigstens auch auch eine Frau auf dem Podium.“

Kürzlich war ich bei einer Podiumsdiskussion bei der Moderator die Aussprache der Referenten mit „Meine Damen und Herren“ anmoderierte. Es war nur leider keine Dame vorne (im Publikum hingegen umso mehr). Alle lachten den Moderator aus. Mir war eher zum heulen. Wie peinlich! Und zwar nicht für den Moderator, sondern für die Initiatoren der Veranstaltung. 

 

Es gibt scheinbar keine Frauen

Und dann stellt sich mir die Frage, warum? Gibt wirklich nur Männer, die Experten auf ihrem Gebiet sind? Oder gibt es auch Frauen, die aber leider unbekannt(er) sind und daher nicht eingeladen werden? Oder sind es andere Gründe? Wird vielleicht sogar taktisch eingeladen, das Geschlecht wird dabei nicht reflektiert und ist dann schließlich in der faktischen Diskriminierung nur eine Folge? Wenn bspw. ein, im Thema, gleichqualifizierter Mann, zusätzlich noch in einem anderen leitenden Gremium sitzt oder im Vorstand einer Organisation arbeitet, wird er sicherlich eher eingeladen. Da Frauen, nach wie vor, (gerade auch bei Kirche) seltener in Leitungspositionen zu finden sind, werden sie daher auch weniger eingeladen.

Alles logische Gründe, aber auch alles total ärgerlich!

 

Provokation

Kürzlich bekam ich eine Mail mit der Anrede „Liebe Damen und Herren,“ die an 5 Männer, eine weitere Frau und mich adressiert war. Wenn ich auf diese Mail mit „Liebe Dame, liebe Herren“ antworte, provoziere ich wahrscheinlich viel stärker als mir lieb ist. „Sehr geehrte Dame und Herren“ klingt ja gleich so militant feministisch.

Dabei finde ich einfach nur Worte für Situation. Das ist nicht feministisch gemeint oder emanzipiert, sondern einfach nur feststellend. Ich will damit auch nicht bewusst problematisieren, ich benenne damit nur meine Realität:

Ich würde mich nicht als Feministin bezeichnen, sage jedoch selbstbewusst, was ich wahrnehme. Ich will auch keine Frauenquote, sondern möchte durch Leistung überzeugen und nicht über ein Token/Ticket/eine Quote in ein Stetting gelangen. Um jedoch durch Leistung überzeugen zu könne, mit ähnlichen Ausgangschancen, muss ich über die ungleichen Bedingungen reden dürfen, ohne gleich als Motz-Emanze stilisiert zu werden.

Ich will nicht aus allem ein Problem machen, aber sagen dürfen, wo mein Leben als Frau problematisch ist. Denn oftmals bin nicht ich selbst das Problem, sondern die Realität die mich umgibt.

Denn: Es ist ein Problem, wenn bei einer Podiumsveranstaltung 7 Männer sitzen und keine Frau! Nicht für mich, sondern für uns alle! Besonders, weil die Lösung solcher Gendermonokulturen oft „die eine Frau“ ist, die dann solche Settings retten soll. Als weibliche Perspektive hat sie oft gar keine Wahl als nur ihr Geschlecht zum Thema zu machen, während die Männer über jedes beliebige Thema reden können. (Interessant ist in diesem Zusammenhang die Einhorn Theorie).

Wenn ich oft als einzige Frau auf dem Podium sitze, ist das nicht mein Problem, sondern meine Realität. Es ist nicht mein Problem, sondern unser aller Problem.

Und daher verweise ich abschließend gerne noch einmal auf die großartige Taz-Kolumne „Hier, bitte, meine Problemliste“ von Magarete Stokowski.

 

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9 Gedanken zu »Da ist nicht Mann noch Frau«

  1. […] meinen letzten Post zur Genderdebatte habe ich viele Rückmeldungen erhalten. Durch dieses Erlebnis im Urlaub habe ich erneut bemerkt, […]

  2. Thomas:

    Liebe Sandra,
    vielen Dank für diese Perspektivverschiebung – sie tut gut. Mindestens mir, vielleicht auch anderen.

    Ehrlich gesagt: Ja, ich bin auch froh, wenn zu einer Veranstaltung wenigstens eine Frau dabei ist. Ja, im besten Fall sogar eine jüngere. Aber warum eigentlich? Weil sich über die Jahre Stereotypen entwickelt haben, von denen der Mensch nicht so schnell Abstand bekommt. So etwas braucht möglicherweise sogar Generationen. Zu diesen Stereotypen gehören auch Frauen, die sich als „Quotenemanze“ irgendwann mal eingenistet haben und dann leider oft genau so agieren wie die männlichen Kollegen (oder gar schlimmer), nur eben manchmal mit anderem Vorzeichen.

    Nein, so will ich keine Gleichberechtigung erleben müssen. Ich will im Restaurant nichts von einer Salzstreuerin und der Gardarobenständerin lesen. Ich möchte im Gespräch, auf dem Podium, als Kollege, bitte Frauen gegenüber haben dürfen, denen nicht eingeredet wurde „Du musst dich in einer Männerdomäne durchsetzen“, sondern die das wollen und tun.

    Mittlerweile gibt es aber ein zartes Pflänzchen Hoffnung: Frauen, die offen sind, dazu stehen dass sie Dinge anders tun als Männer. Und das „anders“ wirklich nur als „anders“, nicht als „automatisch besser“ gemeint ist. Denen es nicht mehr um das Prinzip Gleichberechtigung geht, sondern um Inhalte, die sie bereichernd genauso mitgestalten können und wollen.

    Ich glaube aber, dass es dazu die erste Generation Frauen brauchte, die sich auf den Weg gemacht hat. Die einfach stur gegendert hat, bis selbst Papphockerinnen kaum noch auffielen. Die sich in Stellen eingeklagt hat, auch wenn die fachliche Eignung im Einzelfall dürftig war und es dann groß durch die Presse ging. Die durchgesetzt hat, dass es auch in einer Firma mit 98% weiblichen Beschäftigen keinen männlichen Gleichstellungsbeauftragten geben darf.

    Das war nötig. Nötig, um Veränderungen anzustoßen. Denkprozesse einzuleiten.

    Letztlich war es ein Veränderungsprozess, an dem wir meiner Meinung nach jetzt zwischen Einsicht und Akzeptanz, im „Tal der Tränen“, stehen.

    Jetzt aber muss der nächste Teil folgen: Ausprobieren, Erkenntnis, Integration.

    Dazu gehört auch der lockere Umgang mit den Saalmikrofoninnen, eine bewusste Feststellung „Sehr geehrte Dame und Herren“ – und ein loslassen der ersten Generation der Vorreiterinnen & Wegbereiterinnen. Eine Abkehr vom reflexhaften gendern an Stellen, wo nicht das sexuelle Geschlecht gemeint ist. Die Möglichkeit, dass auch Männer auf Gleichberechtigung drängen dürfen ohne als reaktionär beschimpft zu werden.

    Ja, das wird gut werden. Hoffentlich erleben wir es noch, und wenn nicht dürfen wir es doch ein Stück begleiten und befördern.

    Weil es um ein Miteinander geht. Um Menschen. Individuen.

    Nicht nur in der Kirche oder in der Gemeinde. Auch im Rest der Gesellschaft.

  3. Kerstin:

    Hallo Sandra,
    Danke für deine Worte die den Schwerpunkt „eine Realität die uns umgibt“ und „es ist für uns ALLE wichtig“ haben.
    Du beschreibst was ich wieder und wieder erlebe. Erst vor wenigen Wochen habe ich die Veranstalter einer baldigen großen Konferenz angeschrieben, in der nur Männer als Redner sprechen werden – sachlich, beschreibend, Veränderungsermutigend. Die Antwort – von einer Frau – war, dass doch im Musikteam Frauen sind und es zu mühevoll ist, Frauen zu suchen. Auf einem anderen Treffen, von allen Konfessionen besucht das Gleiche – wieder die Antwort, es gibt keine weiblichen theologischen Professorinnen die sich als Sprecherinnen eignen.
    Ich fühle mich nicht verstanden… und alle – auch die Männer – haben wenig Ahnung, was uns allen durch diese Situation verloren geht.

  4. Stichwort Gender: Müsste die URL dieser Seite dann nicht http://www.pastorINsandy.de/ sein statt eben http://www.pastorsandy.de/ ??
    Oder nicht? Oder eben doch? Was will mir der Text nun eigentlich sagen?

    • Liebe/r Riepichiep,
      sehr konsequente Rückfrage. Danke.
      Der Hintergrund der Domain hat ne Geschichte: Als ich mein Gemeindepraktikum in Amerika gemacht habe, haben die dortigen Gemeindemitglieder immer „Pastor Sandy“ zu mir gesagt. Dieser Spitzname hatte somit einen englischsprachigen Hintergrund und hat sich dann ins Deutsche verselbstständigt. Ansonsten würde es natürlich Pastorin Sandy heißen. 🙂

      • Das heißt, wenn ich einen „Hintergrund“ habe, muss ich nicht gendern – oder wie?

        Ich mein, letztlich könnte man auch beide URLs nehmen und die eine auf die andere verlinken. Von daher finde ich das Argument „das ist so historisch begründet“ fragwürdig, zumal einem Mann das ja auch um die Ohren geschlagen würde …

      • Grundsätzlich gebe ich dir Recht. Es ist halt nur wirklich ein zusammenhängender Spitzname. „Pastor Sandy“ nicht Pastor „Sandy“

        Das ist eben ein Kombi-Ding, das sich zusammenhängend so tradiert hat. Ich käme ja auch nie darauf, meine Freundin Joe zu zwingen, sich Johanna zu nennen oder meinem Bekannten Peggy nun Nico, nur weil der Spitzname nicht passt.

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