Homosexualität – eine Feldstudie

In der letzten Woche wurde vom Projekt Worthaus ein Podcast Beitrag mit dem Titel „Die schwule Frage – Die Bibel, die Christen und das Homosexuelle“ online gestellt. Es handelt sich um einen Vortrag, den Prof. Zimmer am 07. Februar 2015 in Tübingen im Rahmen des „Worthaus Pop-ups“ gehalten hat.

Die schwule Frage – Die Bibel, die Christen und das Homosexuelle | 5.1.1
Worthaus Pop-Up | Tübingen: 7. Februar 2015 von Prof. Dr. Siegfried Zimmer

Im Vortrag beleuchtet Siegfried Zimmer das Themenfeld Homosexualität und gleichgeschlechtliche Liebe biblisch, (kirchen)geschichtlich und soziologisch. Er geht dabei immer wieder auf eine einordnende Metaebene und beschränkt sich nicht auf das Klein-Klein einzelner Bibelverse, sondern wertschätzt diese in ihrem exegetischen Zusammenhang. Diese Draufsicht ermöglicht neue Zugänge zu einschlägig zitierten Bibelversen sowie deren Lesarten und deckt gewisse traditionell-traditierte Dogmen auf, die sich z.T. (kirchen)geschichtlich verselbständigt haben.

Vom Weinen und sich schämen

Rolf Krüger nahm daraufhin eine Frage aus dem Vortrag Zimmers auf und stellte sie sich und seinen Lesern: Wann wird die konservative Christenheit weinen und sich schämen? Darin geht er auf Zimmers These ein, dass eine ehrliche Beleuchtung des Themas Homosexualität für Christen auch beinhaltet, sich mit der Vergangenheit und Gegenwart von Verfolgung und Diskriminierung homosexueller Menschen durch Christen zu beschäftigen. Losgelöst von der persönlichen Meinung zum Thema Homosexualität, sei es an der Zeit, sich (selbst)kritisch zur Ausgrenzung, Verfolgung und Diskriminierung von Homosexuellen zu positionieren und Verantwortung zu übernehmen.

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(Comic von naked pastor)

 

Zeitgleich in der Hannoverschen Landeskirche

Ungefähr zeitgleich erschien im NDR ein Panorama-Beitrag  aus der Reihe „Die Reporter“ in dem der evangelische Pastor Gero Cochlovius aus Hohnhorst zitiert wurde. Er soll bei einem Interview mit dem NDR (ausgelebte) Homosexualität als Sünde beschrieben haben, die dem Willen Gottes nicht entspräche. Der Pastor biete jedoch seine Hilfe an, denn Homosexualität sei heilbar.

Nach der Ausstrahlung der Sendung gab es verschiedenste Reaktionen. Ein 84-jähriges Kirchenmitglied, Großmutter von zwei schwulen Enkeln, trat aus der Kirche aus und löste mit dem veröffentlichten Austritts-Brief u.a. auf Facebook geradezu einen Shitstorm aus, weil Tausende ihre Kritik teilten. Zugleich gab es unter dem Aufruf  „Wir brauchen dich, Oma Marie“ auch eine Bewegung, die die Großmutter zum Beibehalten der Kirchenmitgliedschaft aufforderten. Auch die Enkel von Großmutter Marie meldeten sich zu Wort.

Daraufhin meldete sich der Kirchenvorstand der Kirchengemeinde in Hohnhort, in der Pastor Gero Cochlovius seinen Dienst tut, zu Wort. Auf der Homepage veröffentlichte der Kirchenvorstand eine öffentliche Stellungnahme. Darin distanzieren sich Kirchenvorstand und Pastor z.T. von Äußerungen und baten um Verzeihung.

Gleichzeitig veröffentlichte die Kirchengemeinde St. Godehardi aus dem Nachbarort Bad Nenndorf auf ihrer Homepage eine Resolution einer Sondersitzung des Kirchenvorstands zu den Äußerungen von Pastor Cochlovius, in der der Kirchenvorstand sein Entsetzen äußerte, sowie Homosexuellen „uneingeschränkte Achtung“ zusicherte.

Schließlich meldete sich der Bischof der Hannoverschen Landeskirche Ralf Meister in einem offenen Brief an Oma Marie zu Wort. Darin legt er dar, dass Homosexualität aus Sicht der Landeskirche keine Sünde sei und nicht geheilt werden müsse. Zudem gebe es ja durch die Segnung von Paaren in gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaft sichtbare Zeichen dafür, dass „in der Gemeinde Jesu Christi (…) Unterschiede von Herkunft, Geschlecht und sexueller Orientierung aufgehoben“ sind. Auch wenn die weitaus überwiegende Mehrheit der Pastorinnen und Pastoren der Landeskirche diese Ansicht teile, müsse man trotzdem akzeptieren, dass einzelne Pastorinnen und Pastoren die Bibel anders interpretierten und deshalb zur Homosexualität eine andere Meinung hätten.

 

Panorama als Feldstudie

Ein Panorama (πᾶς = alles und ὁράω = sehen) verspricht immer einen umfassenden Blick auf etwas. Und so sehr der Kirchenvorstand Hohnhorst in seiner Stellungnahme die „journalistische“ Vorgehensweise und zweifelhafte Darstellung der NDR Sendereihe Panorama problematisiert, macht die Sendung selbst und die Reaktionen darauf feldstudienartig etwas deutlich.

Medial bildet sich in der Sendung und in den Reaktionen darauf, der Diskurs innerhalb der Kirchenlandschaft ab und zeigt auf, wofür Siegfried Zimmer sensibilisieren will: Einerseits für eine tiefgehende Auseinandersetzung mit dem Thema Homosexualität, der kritischen Prüfung einzelner, rezitierter Bibelverse und grundsätzlicher Reflexion unserer Praxis von Exegese und Hermeneutik. Andererseits für ein Hinterfragen unseres Umgangs mit diesem Thema und unserer damit zusammenhängenden Diskussionskultur. Für eine Kultur der gegenseitigen Wahrnehmung und Wertschätzung und für die Einsicht, dass sich Stammtischäußerungen wie auch theologische Fachdiskussionen über dieses Thema immer auch über das faktische Leben von Menschen äußern und dieses ggf. richten.

Die Rolle der einzelnen Protagonisten Pastor, Kirchenvorstand der Gemeinde des Pastors, Kirchenvorstand des Nachbarortes, Oma Marie, Landesbischof, Panorama, Worthausredner und provozierender Blogger sind vollkommen austauschbar.

 

Und ich?

Ich merke, dass mich diese Auseinandersetzungen berühren, oft auch verletzten. Und merke doch gleichzeitig, dass mich ihnen entziehe. Dass ich mich an Oma Marie freue, weil mir selbst der Elan fehlt, mich zu empören. Ich bin müde und habe einfach keine Lust mehr, immer und immer wieder Diskussionen über Themen zu führen, die aus meiner Sicht vollkommen geklärt sind, um dann in eben jenen Diskussionen festzustellen, dass es meinem Gegenüber genauso geht, nur dass wir vollkommen unterschiedliche Meinungen vertreten.

Ich freue mich, wenn sich mein Landesbischof öffentlich äußert und stolz auf die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare in der Hannoverschen Landeskirche hinweist und gleichzeitig merke ich, dass es mir nicht weit genug geht, weil er im gleichen Atemzug anderen Meinungen eine Daseinsberechtigung zuspricht. Konsequent wäre es – Entweder ehrlich den beschwerlichen Weg von Synode und Kirchenleitung der Hannoverschen Kirche in dieser Thematik transparent machen, das Ringen um Ergebnisse und gleichzeitig um Einheit und darin deutlich machen, wie schwer nach wie vor eine deutliche und klare Aussage ex cathedra ist. Oder man müsste, um Klarheit zu schaffen, deutlich Position beziehen und sagen: Wir als Landeskirche sehen in LGBT Lebensformen einen Beweis für die Vielfalt in Gottes Schöpfung, stellen uns uneingeschränkt hinter diese Menschen und sagen ihnen und ihren Partnerschaften Gottes Segen zu. Alle anderen Einschätzungen spiegeln nicht Gottes Liebe wieder und werden daher von uns entschieden zurückgewiesen.

Alles dazwischen wird weder den Menschen gerecht, über die geredet wird, noch den Protagonisten von pro und contra und ihren ernstzunehmenden Meinungen und führt daher letztlich nicht weiter.

 

Ausblick

Es braucht Oma Marie, Siegfried Zimmer und Rolf Krüger. Und es braucht Gespräche. Am Besten am Tisch mit Gero Cochlovius im Wohnzimmer eines lesbischen Paares, die gerade in einer Hannoverschen Gemeinde Gottes Segen zugesprochen bekommen haben. Es braucht nicht nur den Blick in die Bibel, sondern gleichzeitig den Blick in Augen derer, über die man redet. Es braucht Gespräch; Reden und Zuhören, Kennenlernen, Wertschätzung (auch in der Unterschiedlichkeit) und auch durchaus kritische und ehrliche Auseinandersetzung.

Solange sich Blogger wie Rolf Krüger mutig diesem Diskurs stellen und für eine Klärung in dieser Frage einsetzen, werden wir Schritt für Schritt weiterkommen. Solange er jedoch auf seinem Blog und bei Facebook in den bereits über 100 Kommentaren z.T. aggressiv und unsachlich angegriffen wird, wird dieser Weg beschwerlicher, als er ohnehin schon ist. It’s a long way.

 

5 Gedanken zu »Homosexualität – eine Feldstudie«

  1. Peter sagt:

    Es ist zwar schon eine Weile her, dass dieser Blogbeitrag veröffentlicht wurde, aber ich bin erst jetzt darauf gestoßen, und ich will eigentlich nur ein „Vielen Dank für den Beitrag!“ loswerden.

  2. Thomas Jakob sagt:

    In Platons Gastmahl ist, wie ich bereits bei Rolf Krügers Beitrag kommentiert habe, von homosexuellen Beziehungen unter Gleichen die Rede, also nicht nur von Knabenliebe als Prostitution. Unter dem Stichwort Kugelmenschen-Mythos des Aristophanes findet sich da Näheres.

  3. TomM sagt:

    Schon seine erste These ist schlichtweg falsch, findet sich bei den Altgriechischen Vokabeln immerhin schon
    παιδεραστία
    also Knabenliebe und direkt auch
    κίναιδος
    also homosexuell als Adjektiv.
    DA hätte mal jemand besser nachschlagen sollen… 🙁

    • Sandra Bils sagt:

      Lieber Tomm, ich denke, Zimmer meint Homosexualität, wie wir sie heute verstehen und in unserer heutigen Gesellschaft vorfinden. „Knabenliebe“ hingegen bezeichnete eine Form von männlicher pädophiler Prostitution, die z.T. auch kultische Hintergründe hatte. Da sehe ich eigentlich keine Schnittmengen zu Homosexualität.

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