Social Franchising vs. Startup-Kultur

In der letzten Zeit begegnen mir immer wieder die Begriffe „Startup“ und „Social Francising.“ Das ist nicht verwunderlich. Beide Phänomene sind derzeit en vogue und werden medial breit rezipiert.

Was ich daran nur interessant finde, ist, dass mir die Ansätze mehr und mehr im kirchlichen Zusammenhang begegnen. Beiden „Kulturen“ liegen jedoch völlig unterschiedliche Haltungen zugrunde.

Social Franchising

Das Social Franchising betreibt im sozialen und non-profit Bereich der NGO’s eine Art Ideenmanagement und ermöglicht durch vertragliche Kooperation eines konzeptliefernden Franchisegebers dem Franchisenehmer die Übernahme konkreter Lösungsansätze anderer. Diese werden oft sehr werktreu mit einer replizierenden copy-und-paste-Haltung lokal umgesetzt, da CI-Branding, Marken-Standards und genereller Kontextualisierungsrahmen vertraglich vom Franchisegeber reglementiert und meist stark eingeschränkt sind. Vorteil ist, dass das Rad nicht immer neu erfunden werden muss. Nachteil ist, dass man immer schon vorher weiß, wohin das Rad rollen wird, um im Bild zu bleiben.

In diesem Video, stellt Dan Berelowitz Social Franchising vor und zieht dabei immer wieder deutlich die Parallele zum kommerziellen Franchising (McDonalds usw.). Natürlich geht es im Social Franchising nicht um Profit, dennoch scheinen äquivalente Ziele wie Erfolg, Expansion und eine Sicherung der Struktur auch im Social Franchising wichtig zu sein.

 

Startup

Startups hingegen, fangen bei Null an. Sie erfinden, das Rad neu, weil sie sich mit anderen Lösungsansätzen nicht zufrieden geben und ausgehend von ihrem eigenen Kontext, für ihren eigenen Kontext neu konzipieren. Wie auch Social Franchiser sind Startups auf der Suche nach reproduzierbaren Lösungsansätzen. Während Social Franchiser in einer gewissen Abhängigkeit zu deren externen Impulsgebern stehen, genießen die Startups die Freiheit einer individuellen und kontextuell-relevanten Erprobungs- und Entwicklungsphase und stehen oft mit anderen Entwicklern im regen Kontakt und Austausch.

Das Startup Kuchentratsch ist beispielsweise ein klassisches Social-Business Startup, dass aktuell auf Startnext durch Crowdfunding versucht, eine generationsverbindende Backstube in München zu gründen, um Altersarmut und Vereinsamung zu bekämpfen.

 

Social Franchise und Startups und Kirche

Zusammenfassend kann man sagen, dass es bei beiden Ansätzen um Vernetzung geht. Beim Social Franchising werden Ideengeber mit, nach Lösungsansätzen Suchenden, vernetzt. Dies geschieht innerhalb eines vertraglichen Rahmens.

Bei Startups hingegen, ereignet sich die Vernetzung emergent und autonom. Oft wird ja auch von einer „Start-up Kultur“ gesprochen. Innerhalb der Startup Community scheint es keinen externen oder vertraglichen Anreiz zu brauchen, um zu kollaborieren (siehe sogenannte Coworkingspaces) und kollegial und freigiebig Ideen zu teilen. Es scheint Teil der Startup-DNA zu sein. (Genauso wie bspw. auch das Teilhaben lassen an Erfahrungen des Scheiterns in sogenannten FuckUp Nights).

Während die einen somit Ideen kaufen und vertraglich zusichern, emergieren in anderen Kontexten Ideen „von selbst“, durch eine Kultur der interaktiven Inkulturation und föderativen Kontextualisierung.

 

Pioneering

Besonders in der anglikanischen Kirche hat sich in den letzten Jahrzehnten das Bild des Pioniers für gemeinschaftsgründende Ekklesiopreneure herausgebildet. Dort wird sogar bereits mit Ausbildungsmodellen experimentiert um eine kirchliche Gründerszene zu etablieren.

 

Wie wird wohl in Deutschland diese Gründerszene aussehen?

Wird sie sich innerhalb oder außerhalb von kirchlichen Strukturen ansiedeln?

Welche Rolle werden dabei die verfassten Großkirchen und ihre Struktursysteme bilden.

 

Meiner Meinung nach hängen die Antworten stark davon ab, von welcher Kultur sich unsere Kirchen in den nächsten Jahren leiten lassen. Von einem Geist von Social Franchise mit eingeschränkten Chancen der dezentralen Gestaltung und Kontextualisierung oder von einem Gründergeist der Ekklesiopreneure, die als Pioniere Kirche kontextrelevant neu denken, vernetzt in einer kollaborativen und interaktiven Bewegung, die Ideen nicht vermarkten, sondern teilen.

 

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6 Gedanken zu »Social Franchising vs. Startup-Kultur«

  1. Konrad sagt:

    Als jemand, der die Startup-Szene seit der Dotcom-Zeit beobachtet und verfolgt, halte ich es für keine so glückliche Kultur, um sich an ihr zu orientieren – weder die zumeist gemeinte US-Amerikanische Startup-Kultur, noch das, was hier in Deutschland unter diesem Begriff fährt. Das wird aber vermutlich eine längere Diskussion, herauszuarbeiten, welche Anteile davon interessant und welche davon ziemlich schwierig sind.

    • Sandra Bils sagt:

      Ich ahne, in welche Richtung deine „gezügelte Begeisterung“ geht, Konrad. Auch ich kann die Startup-Kultur nicht uneingeschränkt beführworten. Dennoch finde ich den Ansatz, Social Franchising als Allheilmittel zu implementieren genauso schwierig. Gerade das differenzierte Hinschauen und die längeren Diskussionen, die du andeutetest, sind wahrscheinlich notwendig, um zu einer nachhaltigen Einschätzung zu kommen.

      • Konrad sagt:

        Ja: Inspirieren lassen und nicht einfach kopieren, das scheint mir sowieso eine vernünftige Idee. Sich Dinge mal genauer ansehen und verstehen, und dann darüber nachdenken, in welcher Weise man sie in die eigene Kultur übernehmen kann um sie ein Stück weit zu beeinflussen — das halte ich für eine wirklich lohnenswerte Aufgabe.

        Nur glaube ich, dass man zunächst mal auf etwas menschenfreundlichere und weniger selbstbetrunkene Felder als die Startups gucken kann 🙂

  2. Mik Hager sagt:

    Habs jetzt erst gelesen 🙂

    Im Vermarkten sind die Anglikaner mit Fresh-X ja ganz gut oder?
    Sind klassische Gemeinde-Neugründungen dann immer Franchise?
    Ich habe das Gefühl Franchise kommt nicht so gut weg, wie du es vergleichst. Dabei sehe ich manches Franchise nicht so sehr als „gekauft und vertraglich zugesichert“. Ich bin als „Betroffener“ ja bei Serve the City beteiligt und würde das in ein anderes Licht stellen.

    • Sandra Bils sagt:

      Danke für deinen Kommentar Mik. Natürlich habe ich meine Meinung zu Franchise sehr provokativ formuliert. Und natürlich gibt es kein reines schwarz/weiß, denn ich kann dem Social Franchise Konzept auch viel positives abgewinnen. Dennoch möchte ich auch davor warnen, darin einen Ideenprovider zu sehen, der vom eigenen Träumen, visionieren und vor allem kontextualisieren entbindet. Das wäre meiner Meinung nach fatal.

  3. Daniel sagt:

    Danke für den Text!
    „… von welcher Kultur sich unsere Kirchen in den nächsten Jahren leiten lassen…“ ist sicher die Schlüsselfrage.

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