Ich schreibs an jede Wand

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In Mossul haben militante radikalmuslimische ISIS Anhänger in den vergangenen Tagen die Häuser von Christen markiert. Dazu malten sie den arabischen Buchstaben ن – das arabische „n“ an deren Hauswände. Er steht für „nasara„, „Nazarener“, also Christ. Der damit ausgeübte Druck und die damit zusammenhängende Angst vor Übergriffen hat mittlerweile alle Christen aus Mossul vertrieben. Die Stigmatisierung durch das ن hat nun in den sozialen Netzen eine andere Perspektive bekommen. Aus der Hetze durch Diffamierung und Verleumndung an Häuserwänden ist eine Solidaritätsbewegung in Netz geworden. Viele ändern ihr Profilbild in ein ن oder posten unter dem Hashtag #WeAreN. „Ich bin Christ“ wird so zu einer selbstbewussten Selbstaussage, die sich zum christlichen Glauben bekennt und sich den Verfolgten Christen im Irak gegenüber solidarisch zeigt.

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Michael Diener, Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes und Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz erklärt dies auf seiner Facebookseite so:

Mein verändertes Profilbild soll zeigen: ich bin auch einer von denen, die mit diesem Jesus unterwegs sind und ich leide mit meinen Schwestern und Brüdern, die um ihres Glaubens willen verfolgt werden – im Irak, in Syrien, in Nigeria und an so vielen anderen Orten. Und ich wünsche mir, dass sich Menschen muslimischen Glaubens von diesem barbarischen und unmenschlichen Verhalten distanzieren und es vorbehaltlos verurteilen – gerade diejenigen, die politische oder religiöse Verantwortung tragen. Zugleich steht aber dieses „N“ auch dafür, dass NIEMAND um seines Glaubens willen verfolgt, mißhandelt, seiner Menschenrechte beraubt oder getötet werden soll. Ich distanziere mich ausdrücklich von allen Islamhassern, von all denen, die fb benutzen, weil sie meinen, „DER“ Islam sei immer und nur gewalttätig, menschenverachtend und militant. Ich bedauere zutiefst, wie viel Mißtrauen und Hass gegenüber Menschen muslimischen Glaubens durch Christen gefördert wird. Ich bin nicht blauäugig, ich mache mir keine Illusionen über gewalttätige Elemente im Koran, aber ich weigere mich, muslimische Gläubige in Sippenhaft zu nehmen und ich glaube, dass ein friedliches Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen Religionen möglich ist.Michael Diener

 

Deutsche Parallele

 

Anti-Semitismus_1933

Häuserwände zu beschmieren hat eine lange Tradition. In der deutschen Geschichte gab es Zeiten, in denen jüdische Häuser und Geschäfte markiert wurden. Hier führten die Stigmatisierung mit dem Judenstern auch zu Einschüchterung, Repressalien und schließlich in einen Prozess der entweder mit Flucht oder Deportation endete.

 

Zinken

Auf der anderen Seite gibt es auch die Kennzeichnung von Häusern die Schutzräume eröffnet. Seit dem 12. Jahrhundert ist in Deutschland eine Geheimsprache überliefert, die Zinken. Dabei handelt es sich um eine Kommunikationsform besonders unter Nichtsesshaften, weshalb man auch oft von sog. „Bettlerzinken“ spricht. Die Zinken waren neben Gesten und Ausrücken in erster Linie Zeichen die an Häusern angebracht wurden, um andere Bettler zu warnen oder ihnen Tipps zu geben. (Hier ein paar schematische Darstellungen).

 

Noteingang

Es gab auch Aktionen wie „Noteingang“ bei der Aufkleber an Geschäfte und öffentliche Orte verteilt wurden, mit der Bitte, sie an den Türen gut sichtbar zu kleben und damit auszusagen, dass das Personal rassistische Verhaltensweisen nicht duldet und gegebenenfalls potentielle Opfer schützen wird..

 

Passah

Im Buch Exodus sind die rot markierten Pfosten an den Türen der Israeliten in Ägypten letztlich auch ein ähnlich positives Beispiel. Die Pessatradition hat durch die deutliche Markierung nach außen das Volk Israel vor Schikanen und einer ethnischen Säuberung bewart.

Hier der Text zum Passahfestes Ex 12, 1-23
1 Der HERR aber sprach zu Mose und Aaron in Ägyptenland: Dieser Monat soll bei euch der erste Monat sein, und von ihm an sollt ihr die Monate des Jahres zählen. Sagt der ganzen Gemeinde Israel: Am zehnten Tage dieses Monats nehme jeder Hausvater ein Lamm, je ein Lamm für ein Haus. Wenn aber in einem Hause für ein Lamm zu wenige sind, so nehme er’s mit seinem Nachbarn, der seinem Hause am nächsten wohnt, bis es so viele sind, dass sie das Lamm aufessen können. Ihr sollt aber ein solches Lamm nehmen, an dem kein Fehler ist, ein männliches Tier, ein Jahr alt. Von den Schafen und Ziegen sollt ihr’s nehmenund sollt es verwahren bis zum vierzehnten Tag des Monats. Da soll es die ganze Gemeinde Israel schlachten gegen Abend. Und sie sollen von seinem Blut nehmen und beide Pfosten an der Tür und die obere Schwelle damit bestreichen an den Häusern, in denen sie’s essen,und sollen das Fleisch essen in derselben Nacht, am Feuer gebraten, und ungesäuertes Brot dazu und sollen es mit bitteren Kräutern essen. Ihr sollt es weder roh essen noch mit Wasser gekocht, sondern am Feuer gebraten mit Kopf, Schenkeln und inneren Teilen. Und ihr sollt nichts davon übrig lassen bis zum Morgen; wenn aber etwas übrig bleibt bis zum Morgen, sollt ihr’s mit Feuer verbrennen.So sollt ihr’s aber essen: Um eure Lenden sollt ihr gegürtet sein und eure Schuhe an euren Füßen haben und den Stab in der Hand und sollt es essen als die, die hinwegeilen; es ist des HERRN Passa. Denn ich will in derselben Nacht durch Ägyptenland gehen und alle Erstgeburt schlagen in Ägyptenland unter Mensch und Vieh und will Strafgericht halten über alle Götter der Ägypter, ich, der HERR. Dann aber soll das Blut euer Zeichen sein an den Häusern, in denen ihr seid: Wo ich das Blut sehe, will ich an euch vorübergehen und die Plage soll euch nicht widerfahren, die das Verderben bringt, wenn ich Ägyptenland schlage. Ihr sollt diesen Tag als Gedenktag haben und sollt ihn feiern als ein Fest für den HERRN, ihr und alle eure Nachkommen, als ewige Ordnung. Sieben Tage sollt ihr ungesäuertes Brot essen. Schon am ersten Tag sollt ihr den Sauerteig aus euren Häusern tun. Wer gesäuertes Brot isst, vom ersten Tag an bis zum siebenten, der soll ausgerottet werden aus Israel. Am ersten Tag soll heilige Versammlung sein und am siebenten soll auch heilige Versammlung sein. Keine Arbeit sollt ihr dann tun; nur was jeder zur Speise braucht, das allein dürft ihr euch zubereiten. Haltet das Gebot der ungesäuerten Brote. Denn eben an diesem Tage habe ich eure Scharen aus Ägyptenland geführt; darum sollt ihr diesen Tag halten, ihr und alle eure Nachkommen, als ewige Ordnung. Am vierzehnten Tage des ersten Monats am Abend sollt ihr ungesäuertes Brot essen bis zum Abend des einundzwanzigsten Tages des Monats, sodass man sieben Tage lang keinen Sauerteig finde in euren Häusern. Denn wer gesäuertes Brot isst, der soll ausgerottet werden aus der Gemeinde Israel, auch ein Fremdling oder ein Einheimischer des Landes. Keinerlei gesäuertes Brot sollt ihr essen, sondern nur ungesäuertes Brot, wo immer ihr wohnt. Und Mose berief alle Ältesten Israels und sprach zu ihnen: Lest Schafe aus und nehmt sie für euch nach euren Geschlechtern und schlachtet das Passa. Und nehmt ein Büschel Ysop und taucht es in das Blut in dem Becken und bestreicht damit die Oberschwelle und die beiden Pfosten. Und kein Mensch gehe zu seiner Haustür heraus bis zum Morgen. Denn der HERR wird umhergehen und die Ägypter schlagen. Wenn er aber das Blut sehen wird an der Oberschwelle und an den beiden Pfosten, wird er an der Tür vorübergehen und den Verderber nicht in eure Häuser kommen lassen, um euch zu schlagen.

 

Ich finde die #WeAreN-Aktion im Grunde gut.

In der Massivität, wie mir meine Facebook-Timeline nun schwarz-gelb entgegenstrahlt, frage ich mich jedoch nach dem Sinn und der Nachhaltigkeit. Ist das nicht alles ein bisschen undifferenziert und vorschnell? Das Bekennen und die Solidarität darf nicht zum oberflächlichen Schulterschluss werden, der nichts gilt. Das Bekenntnis zu Jesus, dem Nazarener ist ein Bekenntnis, das unser Leben verändert. Da bleibt der schnelle Avatarwechsel nur ein erster Schritt.

Was würde der „christliche Zinken“ an unseren Häusern, hier in Deutschland konkret bedeuten?

  • Würde jeder „Avataränderer“ auch eine irakische Flüchtlingsfamilie bei sich aufnehmen, als Zeichen der Solidarität?
  • Würden wir in unseren Gemeinden Hausaufgabenhilfe und Deutschkurse für Flüchtlinge organisieren?
  • Würden wir uns gleichsam für den interreligiösen Dialog mit anderen Muslimen einsetzen? Und unseren Kindern beibringen, dass nicht jeder Moslem ein Terrorist ist?
  • Würden wir mit unserem „christlichen Zinken“ jeden klingelnden Bettler erst einmal auf einen Kaffee in unser Wohnzimmer einladen?

 

Woran erkennt man in unserem Alltag, dass auch wir uns zum Nazarener halten, auch wenn wir keine Markierung an der Tür haben?

 

Ein Gedanke zu »Ich schreibs an jede Wand«

  1. K. sagt:

    Hallo,
    ich fühlte mich von dem Blogbeitrag angesprochen. Ich habe meinen Avatar auch geändert. Für mich ist es nicht nur Solidarität. Es ist das Gefühl etwas gegen meine Ohnmacht unternehmen zu können. Es gibt so viel Furchtbares auf dieser Welt und wie oft hat man den Eindruck, dass das bisschen Hilfe das man gibt nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist, man nichts bewirkt. Aus diesem Grund finde ich gerade diese Avatar-Bewegung gut, denn es könnte der Beginn von etwas Größerem sein. Ich stelle die Frage einmal anders herum: Wer seinen Avatar nicht ändert, wird der dann mehr als das für die Geschwister tun? 😉 K.

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