Mixed Economy als Veredelung

 

Im 19. Jahrhundert hat die Reblaus in Europa den größten Teil aller Weinreben zerstört. Die Wurzeln der europäischen Rebsorten waren gegen, die aus Amerika eingeschleppte Reblaus, nicht resistent, so dass in einigen Weinbaugebieten fast alle Rebstöcke vernichtet wurden.

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Die Resistenz der amerikanischen Reben machte man sich dann zu Nutze und pfropfte von nun an auf amerikanische Reben als Unterlagsrebe die europäischen Edelreben auf. Die Wurzeln waren somit  widerstandsfähig und das Edelreis trug weiterhin die traditionellen europäischen Sorten. Es ist somit quasi eine innovative aber resiliente Grundlage und eine traditionelle und geprägte Erweiterung. Heute werden fast ausschließlich Rebsetzlinge gepflanzt, die auf eine solche Art und Weise vorbehandelt wurden.

Veredeln

Das alles habe ich in meinem Sommelierkurs gelernt. Ich fand das sehr spannend, weil ich vorher immer von ausgegangen bin, dass die Veredelung, also die künstliche Verbindung zweier (Holz-)teile bei Pflanzen ein bisschen Schickimicki ist. Zum Beispiel gewagte Farben bei Rosen oder durchgeknallte Obstsorten Bapfel (Halb Birne, halb Apfel).

verdelung

Beim Wein ist es anders, da entstehen zwar durch das Pfropfen auch veränderte Sorten oder der Ertrag wird gesteigert, aber grundsätzlich geht es in erster Linie immer um die Reblausresistenz der Unterlage. Etwas Lebensnotwendiges in unseren Breiten. Die ortsfremden (vormalig amerikanischen) Reben sind die Grundlage für das althergebrachte Europäische. Denn in Europe hängen wir natürlich an unseren traditionellen Lieblingssorten Riesling, Merlot, Pinot Noir usw. Und um das Traditionelle nicht aufgeben zu müssen, geht man durch die Veredelung eine lebenserhaltende Verbindung ein.

 

Mixed Economy

In der Arbeit bei Kirchehochzwei merke ich immer häufiger, dass unsere eigentlich Aufgabe nicht in erster Linie allein die Innovation ist. Genauso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger ist meiner Meinung nach die Verbindung zwischen Innovation und Tradition. Wenn das Neue keinen Ort, keine Verknüfpung und keine Wertschätzung findet, dann ist es wertlos innerhalb unserer Kirchen.

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In der Fresh Expressionsbewegung in England wird diese Verknüpfung von innovativen und traditionellen Formen von Kirche als Mixed Economy, als Mischwirtschaft beschrieben. Bestehende Formen von Kirche und Gemeinde existieren neben neuen Formen (sogenannten Fresh Expressions) und vernetzen sich gewinnbringend miteinander. Mittlerweile übersetzen wir das englische Bild der Mixed Economy sprachlich und kontextuell in die deutsche Situation mit „Mischwald.“ Laub- und Nadelbäume wachsen nebeneinander und bilden ein stabiles Biotop der Verschiedenheit. Große und kleine Bäume, schnellwachsend oder eher langsam, krank und gesund in einer ausgewogeneren Lebensgemeinschaft und nicht in reiner Monokultur.

 

Praxis

Bei Mixed Economy sprechen wir von „gewinnbringender Vernetzung.“ In der Praxis der Veredelung geschieht bei den Weinreben nichts anderes: Dort wird ein einjähriger Wurzelstock mit einer Art Locher gestanzt und auch aus der Edelrebel wird als Negativ das Gegenstück herausgestanzt (Omegaschnitt). Dann wird beides, wie bei einem Puzzlestück zusammengesteckt und mit einer schützenden Wachsschicht verschlossen. Nach einem Jahr können die Setzlinge im Weinberg verpflanzt werden.

 

Was können wir davon lernen?

  • Das Anerkennen, dass man im Zusammenschluss mehr erreichen kann als allein und die Wahrnehmung, solche Partner zu entdecken und wertzuschätzen.
  • It takes time: Bei den Weinreben mindestens 2 Jahre. Die Wurzel braucht Zeit sich zu entwickeln und eine gesunde und widerstandsfähige Grundlage zu schaffen.  Erst nach einem Jahr können Unterlagsrebe und Redelreis verbunden werden. Der gepfropfte Setzung braucht ein weiteres Jahr Pflege und Schutz, bevor er in den Weinberg kann.
  • Künstlich gezüchtete Hybridformen haben sich nicht wirklich durchgesetzt. Die meisten Reben in Europa werden nach wie vor aufwendig veredelt. Tradition und Innovation zu verbinden ist hier ein Handwerk.
  • Die Wurzel aus der die Kraft kommt, muss nicht unbedingt immer der etablierte und traditionelle Teil sein. Manchmal kann die Tradition erst durch die Verstärkung mit neuen Formen resilient und widerstandsfähig werden.
  • Und noch?

 

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