Mein re:publica Rant

Auf der diesjährigen re:publica hat mich der Talk von Laura Sophie Dornheim (@schwarzblond) am Nachhaltigsten beeindruckt. So nachhaltig, dass ich jetzt mit einigem Abstand noch das Bedürfnis habe, darüber zu schreiben.

In ihrem Talk hat Laura Sophie mit großer Leichtigkeit eine Vorzeigeleistung von Kontextualisierung hinlegt, indem sie ausgehend von den sieben Todsünden ein moralisches Konzept für die digitale Welt entfaltet. Hermeneutiker aufgemerkt, hier gibt es einiges zu lernen!

Anhand der klassischen Darstellung von Hieronymus Bosch geht Laura Sophie die einzelnen Todsünden durch und schlägt hermeneutische Brückenschläge zu digitalen Ausprägungen vor. Guckt einfach das Video, ich gebe hier nur holzschnittartig die Themen wieder.

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Hochmut: Eitelkeit, Selbstinszenierung, Darstellungsdrang, Selfiekultur, Elitismus der Netzgemeinde.

Geiz: Kostenloskultur einerseits – Leistungsschutzrecht und Copyrights andererseits. Meins, meins meins.

Wollust: Kontaktbörsen und Dating Apps wie OkCupied, Tinder. Antropologie und Menschenbild dahinter?

Zorn: Im Land der Trolle und Rantkultur. Shitstorms entstehen, weil sich viele daran beteiligen. Umgang miteinander.

Völlerei: Konsum: Nächterlang Serien gucken, bei Tumblr festhängen und tausende Schuhe bei Zalando bestellen. Generation Prokrastination.

Neid: Its all about Kloutscore, Follower, Reputation. Selbstzentrierung.

Faulheit: Copy and Paste Kultur. Simul iustus et plagiator.

Im nächsten Schritt „Sünde ist das, was sich scheiße anfühlt“ plädert @schwarzblond für persönliche to-do und not-to-do Listen. Sich vorzunehmen etwas zu tun, bzw. etwas bewusst zu unterlassen:

„Und ich glaube, dafür sind die Todsündenaufzählungen und (…) lange Listen von Sünden, auch in vielen anderen Weltreligionen, eine ganz gute Orientierung. Da kann man sich ganz gut langhangeln. Was heisst das denn eigentlich für mich? Wo ist das für mich konkret? Wo hab ich da irgendwie Anknüfungspunkte? Was kann ich mir da vornehmen irgendwas weniger oder gar nicht zu tun?“

 

Sie schließt mit Beichte und Buße und zeigt neben der Absolution auch ein Aktionspotential des Menschen im Hinblick auf konkrete Versöhnung: „Wie kann ich es wieder gut machen.“

Laura Sophie machte ihren hermeneutischen Schritt von Kontextualisieung durch die Gegensatzpaare „Todsünden pre internet“ und  „Todsünden digital edition“ deutlich. Daran sieht man, dass sie, übertragen auf das Netz, eine Hermeneutik für notwenig hält: Todsünden liefern ein gutes Raster, müssen jedoch für die Digitalen kontextualisiert werden.

Ich fand ihren Talk grossartig. Gerade auch, weil ich denke, dass wir Christen digital natives wie @schwarzblond eigentlich danken müssten, für das, was sie auf der re:publica tun. Eigentlich müssten wir doch selbst solche und ähnliche Themen anbieten. Selbst Talks und Workshops anmelden. Dass wir viele Themen im christlichen Portfolio haben, die re:publica-tauglich wären, hat @schwarzblond vorgemacht. Die Halle war voll!

Nicht „die Christen“ selbst bringen Themen ein, sondern stattdessen stellt sich eine herrlich selbstbewusste Dame vor ein kritisches Publikum und redet über Sünden und unseren Umgang miteinander im Netz. Sie erzählt aus ihrer katholischen Biographie, darüber warum sie sich der Kirche mittlerweile nicht mehr nahe fühlt. Aber keine Spur von Polemik, stattdessen eine kritische und faire Auseinadersetzung mit Todsünden, Tradition und Moral: refektiert und zugleich persönlich. Ich war begeistert und gerührt zugleich.

Und gerade deshalb haben mich wahrscheinlich auch einige Tweets gestört, die auf den Talk bezug nahmen:

                        

So lange wir nicht selbst Themen (wie dieses) einbringen und solange wir uns selbst nicht die hermeneutische Mühe machen, haben wir keine Berechtigung zu motzen. Stattdessen in der vorletzten Reihe im Dunkeln sitzen und zu ranten finde ich schwierig. Bei jedem anderen Thema wären solche Tweets wahrscheinlich an mir vorbegezogen. Aber gerade, wer dem Inhalt von @schwarzblond folgte, muss doch die Verbindung zu Netzkultur und einem fairen Umgang miteinander wahrnehmen! Wahrscheinlich hat es mich deshalb so geärgert!

Ich wäre gerne über einiges mit @schwarzblond noch tiefer ins Gespräch gekommen. Nicht in allem würde ich ihr zustimmen. Aber ich wäre nicht im Entferntesten auf die Idee gekommen, sie auf diese Art und Weise zu kritisieren. Vielleicht ist solch eine Form von Kritik auch eine Selbstaussage und erklärt, warum so wenige digital natives aus unseren Kirchen sich und ihre Ideen selbst zur Diskussion stellen. Diese Form der Abschottung und Motzkultur ärgert mich! Sehr!

Kilian Martin hat das schön unter „Nicht meckern, besser machen“ hier und hier beschrieben. Dem ist nichts hinzuzufügen.

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