Undercover Boss

Predigt zu 2.Kor 8,9 gehalten am 26.12.2013 in der St. Viktor Kirche in Victorbur.

 

Liebe Gemeinde,

jetzt wo hier alle so einträchtig vor mir sitzen, kann ich Sie und euch ja mal etwas Persönliches fragen. Ganz direkt, so in diesen besonderen Tagen, vom „Fest der Liebe“… an Weihnachten, wo sich alles um Harmonie dreht. Noch stärker als sonst, im Jahr. An diesem Fest der Liebe möchte ich mal fragen: wie es so steht um unsere Harmonie und Eintracht und Liebe? Gings bei Ihnen und euch schon hoch her über Weihnachten?

Hatte ihr Ehemann das falsche Parfum ausgesucht? Oder ist die Gans zu trocken geworden und keiner hat das Essen gelobt? Haben die Kinder schon am Morgen nach der Bescherung die ersten Geschenke kaputtgespielt?

Es gibt ja schneller Zoff und Streit unter dem Baum als man denkt. Das passiert in den besten Familien. Und ehrlich gesagt, liebe Gemeinde, das hat auch schon eine lange Tradition, mit dem Streit an Weihnachten. Besonders bei uns Christen. Gucken wir einfach mal ein bisschen in die Geschichte. In unserer christlichen Kirchengeschichte kann man viele Ereignisse finden, die zu Streit, Entzweiung und Ärger geführt haben. Eine davon hat auch ganz eng mit Weihnachten zu tun.

An Weihnachten ist nämlich ein riesen Streit darüber ausgebrochen, was wir da eigentlich feiern. An Weihnachten feiern wir die Geburt Jesu. Das ist klar.

Aber wer ist das eigentlich? Ein Mensch? Der menschliche Sohn von Maria und Josef, der in Bethlehem zur Welt kam. Jesus, ein Baby, wie jedes andere auch, mit Windeln, das geweint hat bei Hunger und glucksend gelacht hat, wenn man mit ihm gespielt hat.

Oder feiern wir an Weihnachten die Geburt von Gottes Sohn? Dem göttlichen Retter? Einem allmächtigen Teil Gottes, der sich in Jesus zeigt?

Darüber – über diesen Grund von Weihnachten haben sich damals im zweiten und dritten Jahrhundert die ersten Christen sehr zerstritten. Die einen sahen in Jesus den Menschen, die anderen die göttliche Gestalt – und irgendwie kamen sie nicht zueinander.  „Wie soll ein sterblicher Mensch ein Gott sein?“ „Wie soll ein Mensch die Welt erlösen können?“ sagten die einen.  „Aber Jesus ist doch nicht nur ein göttliches Wesen, sagten die anderen. Seine Stärke besteht doch gerade darin, dass er als Mensch verletzlich wird. Einer von uns. Einer der Schmerz, Leid und Tod kennt, weil er unser Leben gelebt hat,“ sagten die anderen.

Wer ist Jesus? Mensch oder Gott? Welches Wesen hat er? Welche Natur? Menschliche oder göttliche?

Es scheint wirklich eine schwere Frage zu sein. Sie hat damals dazu geführt, dass sich Teile der Christen abgespaltet haben. Die sogenannten altorientalischen Kirchen: Die koptische Kirche, die syrisch-orthodoxen, die Äthiopier, Armenier. Man konnte sich nicht einigen über die richtige Antwort auf die Frage:  Wer ist der Jesus, dessen Geburt wir heute feiern? Mensch oder Gott?

Hören auf den Predigttext für den heutigen 2. Weihnachtsfeiertag, wie er uns überliefert ist im 2.Korintherbrief im 8. Kapitel:

Denn ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus:

obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen,

damit ihr durch seine Armut reich würdet.

 

Liebe Gemeinde,

irgendwie nimmt der Predigtext doch genau das auf, über das wir gerade nachgedacht haben. Wer ist Jesus jetzt? Der arme Mensch, der lebt so wie wir und sogar leidet und stirbt? Oder ist er der reiche Gott? Der, allmächtige, der uns freikauft vom Tod und allem Übel. Der Gott, der alles im Griff hat. An Weihnachten haben wir jedes Jahr neu die Chance, diese Frage durchzuspielen.

Ist Jesus nur die kleine Figur in der Krippe, die wir ein Mal im Jahr aufstellen? Diese menschliche Gestalt. Mit diesem ganzen Geschichten, die wir so gern haben. Vom jugendlichen Jesus im Tempel, der mal so richtig aufräumt mit den alten Traditionen. Der die Tische umschmeißt und allen mal sagt, wo es langgeht. Der gute Mensch, der hilft und unterstützt. Der für jede Situation die richtige Geschichte parat hat. Seine Gleichnisse, mit denen er anderen die Augen öffnen will. Der Mensch, der sich mit den Ausgestoßenen an den Tisch setzt, den Steuerbetrügern, den Prostituierten und den Losern der damaligen Gesellschaft. Ein toller und beeindruckender Mensch eben. So ein Typ wie Nelson Mandela oder Mahatma Gandhi oder Mutter Theresa oder Che Gevara. Einer den alle irgendwie toll finden, weil er einfach ein feiner Kerl war. Ein Mensch, den man einfach gernhaben muss. Einer, der sich aufgibt für die anderen. Der sein letztes Hemd gibt. Der sich selbst vergisst, zum Wohle derer, denen er begegnet. Der zuhört, in den Arm nimmt, Türen öffnet, Feste veranstaltet und alle einlädt. Wirklich alle. Einer, der sich im letzten Schritt opfert. Der geradesteht für etwas, das er nicht verbrochen hat. Der hingerichtet wird, zwischen zwei Verbrechnern. Jesus, der Mensch.

Oder ist es eher Jesus, der ein Teil von Gott ist. Der heilt und Wunder tut. Der alles im Griff hat und allmächtig ist. Der aus Wasser Wein macht. Und wenn Menschen seine Kleider berühren, werden sie gesund. Jesus der Gottes Sohn. Gott als Vater und als Heiliger Geist und eben auch Gott als Sohn Jesus. Jesus voller Kraft und Stärke. Jesus der Göttliche. Der bei seiner Taufe von seinem Vater zugeflüstert bekommt: „Mein geliebter Sohn, an dir habe ich meinen Wohlgefallen!“ Der Gesegnete, mit nicht enden wollender Liebe, Geduld und Glaube in das Gute im Menschen. Jesus, der durch sich die Welt erlöst und alles Böse in ihr besiegt. Der stärker ist als alles, was sich ihm in den Weg stellt. Der sogar den Tod bezwingt. Jesus, der Teil Gottes, der uns nahe kommt.

Liebe Gemeinde, wer ist Jesus wirklich? Der eine oder der andere?

Vielleicht kennen Sie die Fernsehsendung „Undercover Boss“ von RTL. Da arbeiten Chefs für einen kurzen Zeitraum in den Jobs von den Leuten, die sie sonst leiten. An der Basis ihrer eigenen Firmen: Da fährt der deutschlandweite Bofrostchef die Tiefkühltorten aus. Der Boss vom Burgerking wischt Tische ab und schneidet Tomaten. Der Chef der Best Western Hotelkette muss Betten machen und Klos putzen. Aber eben undercover. Die anderen Mitarbeiter ahnen nichts davon, dass sie mit ihren Oberchef zusammenarbeiten.  Die Kamera ist versteckt und so ist der Zuschauer live dabei.  Und das spannende ist, wie sich für beide Seiten die Perspektive ändert. Man kann den Chefs abspüren, wie weit ihr Alltag von dem derer entfernt ist, denen sie vorstehen. Es ist immer wieder sichtbar, wie wenig Gespür die Bosse davon haben, was „die an der Basis“ machen. In den Filialen, die Auslieferer, Verkäufer oder Vertreter. Die Chefs bekommen so erst ein Gespür dafür, welche Tätigkeiten anstrengend sind, wie sich Entscheidungen der Geschäftsführung an der Basis bemerkbar machen. Auf der anderen Seite ist spannend, was mit den „Kollegen“ passiert, wenn der vermeintliche andere „Kollege“ sich outet und sich als Chef zu erkennen gibt. Aus dem vertrauten Umgang auf der Arbeit wird dann schlagartig oft wieder ein Chef-und-Angestellten-Verhältnis mit ganz viel Ehrfurcht und Respekt.

 

Liebe Gemeinde, ich denke mit Jesus ist das so ein bisschen so, wie mit dem Undercover Boss. Der ist einerseits einer von uns. Der schneidet die Tomaten bei Burgerking, macht die Betten im Best Western Hotel und fährt die Tiefkühltorten für Bofrost aus. Oder der arbeitet hier bei Enercon, bei VW oder bei den Nordseewerken. Der kennt uns. Der kennt unsere Probleme und Ängste. Der kann sich aber auch genauso mitfreuen, wenn etwas Tolles passiert. Jesus ist einer von uns. Ein Kollege auf Augenhöhe.

Und manchmal ist Jesus aber auch der Boss. Der sich auf einmal zu erkennen gibt. Der plötzlich klar macht, dass neben der Kumpelnummer auf Augenhöhe eine andere Dimension in ihm steckt. Eine Leitende, Führende. Jesus als Boss, als Chef. Jesus der Göttliche, der alles im Griff hat und dafür sorgt das der Laden läuft. Liebe Gemeinde, ich denke nicht, dass man die Frage zufriedenstellend lösen kann, ob Jesus ein menschliches oder ein göttliches Wesen ist. Mal so, mal so. Zwei Naturen in einem wahrscheinlich. Entscheidend ist nur, dass man mit ihm rechnet. In beidem. So oder so. Im Armen und im Reichen.

 

Denn ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus:

obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen,

damit ihr durch seine Armut reich würdet.

….heisst es im Predigtext. Die Stärke Jesu ist, dass er beides kann. Mensch und Gott. Arm und reich. Und, dass  sich bewusst entscheidet, beide Karten auszuspielen. Uns zugute. Er ist der Starke, reich an Kraft und Gnade und Liebe und rettet uns, weil er allmächtig und göttlich ist. Er ist aber auch der Arme, auf Augenhöhe, der uns in und auswendig kennt, weil er uns menschlich nahe kommt. Es ist Weihnachten liebe Gemeinde, den dritten Tag schon. Wir feiern, dass Jesus zu uns kommt. Menschlich, göttlich, vielfältig. Und wir können zwischen all den Geschenken, dem Stollen und den Weihnachtsbäumen überlegen, wer der ist, der uns nahe kommt. Beide Perspektiven sind gewinnbringend.

Wie kommt ihnen, wie kommt dir Jesus nahe am Weihnachtsfest in diesem Jahr? Wo wird was vom Undercoverboss spürbar?

Ein sehr altes Weihnachtslied heißt „Oh komm, oh komm Immanuel.“ Wir haben es gerade vor der Predigt gehört. Immanuel, ist sozusagen der Zwischenname von Jesus. Immanuel bedeutet: „Gott ist bei uns.“ Der Name steht für ein Versprechen. Jetzt an Weihnachten können wir überlegen, auf welche Art und Weise uns Jesus nahe kommt. Jesus, der Immanuel, der „Gott ist bei uns.“

Ich wünsche uns, dass Gott uns in Jesus nahe kommt in diesem Tagen. Vertraut und doch neu. In seiner ganzen göttlichen Macht und auch in seiner menschlichen Zugewandtheit. Der Undercoverboss.

Denn ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus:

obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen,

damit ihr durch seine Armut reich würdet.

 

Oder wie wir es gerade im Lied gehört haben:

 

Freut euch im Herrn, denn er ist nah!

Bald ist der Welt Erretter da. Tragt eure Sorgen,

eure Not mit Dank und Bitten hin vor Gott!

Nun komm, du unser Herr und Hirt,

dass endlich uns die Rettung wir;

komm, Herr, erlöse deine Welt,

die sonst dem Unheil ganz verfällt.

Biet auf, Erlöser deine Macht,

erleuchte uns die dunkle Nacht:

du Licht, vom Vater ausgesandt,

führ uns in das verheißene Land.

Wir danken dir, Herr Jesu Christ,

der du das Heil der Menschen bist.

Schaff uns in deiner Liebe neu,

mach uns in deinem Dienste treu.

Freu dich, freu dich, oh Israel,

bald kommt, bald kommt Immanuel.

Amen.

 

Ein Gedanke zu »Undercover Boss«

  1. Regula Kunz sagt:

    spricht mich an diese Predigt, habe mich in dieser Weihnachtszeit auf zwei Wörter hingemittet “ SEIN Abstieg- mein Aufstieg“ basta!!
    Mag banal klingen aber diese einfache,sehr reduzierte Aussage hat mir enorm Aufwind gegeben in diesen Tagen.

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