Spiritualität ist Balance in Bewegung

Dies ist ein Impulsvortrag, den ich am 30.11.2013 in der Reformationskirche auf dem Emergenten Forum „Spiritualität: Rhythmus und Bewegung“ gehalten habe:

 

 

1. Definition

Spiritualität. Was ist das eigentlich? Jeder von weiß so ungefähr, was es ist, aber wenn mal alle bitten würde, eine kurze Definition zu geben, würde ich schätzen, dass viele erst mal überlegen müssten und, dass dann 1000 verschiedene Begriffsbestimmungen herauskommen würden.

Spiritualität.

Spiritualität ist Meditation. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie viele Bilder von im Schneidersitz sitzenden Menschen man sieht, wenn man im Netz nach „Spiritualität“ sucht. Spiritualität wird oft mit Mediation gleichgesetzt. Meditative und spirituelle Menschen sind für uns oft das gleiche.

Dann wird Spiritualität oft mit Frömmigkeit gleichgesetzt. Frömmigkeit oder manchmal auch Religiosität werden oft gemeinsam mit Spiritualität als Containerbegriffe für alles Mögliche genutzt. Von Taliban bis Frauenbibelkreis, von Fastenwandern in den Pyrenäen bis zu Yogakursen. Spiritualität im Sinne von Religiosität oder Frömmigkeit fasst mittlerweile so viel, dass es bis zur vööligen Beliebigkeit ausgeleiert ist.

Dann gibt’s noch Spiritualität als Lebenswandel. Denn Spiritualität kann auch nicht-konfessionell sein und muss nicht unbedingt direkt etwas mit einer konkreten geistlichen Dimension zu tun habe. Unter Spiritualität als Lebenswandel findet sich auch ein relativ breites Spektrum. Das kann der Lebenswandel von Christen sein. Jedoch auch von besonders Naturverbundenen bis hin zu Menschen, die auf Achtsamkeit, Stille usw. in ihrem Leben achten.

Dann gibt’s auch noch Spiritualität als Begriff in der Esoterik. Hier wird mit Kristallen, Pyramiden und Klangschalen der Spiritualität nachgespürt. New Age, alternative Heilmethoden, all das gehört in dieses Feld.

Wir merken schon – so kommen wir nicht weiter. Meditation, Frömmigkeit, Lebenswandel, Esoterik. In verschiedensten Bereichen wird der Begriff Spiritualität verwandt und manchmal sogar synonym und gleichbedeutend. Die reine Definitionsschiene trägt also nicht wirklich was aus, der Begriff ist einfach zu vielschichtig und plural, als das er sich fassen ließe.

 

2. Subjektfrage

Ich wähle mal einen weiteren Zugang. Was passiert in der Spiritualität? Bzw. wer ist eigentlich spirituell? Wir würden jetzt sicherlich sagen, dass es spirituelle Menschen gibt. Die zeichnet etwas Spirituelles aus oder sie handeln spirituell. Aber ich frage mich, kann man Spiritualität „machen“? Sind Menschen das einzige Subjekt von Spiritualität?

Vielleicht geschieht die Spiritualität auch an uns. Wir wären dann lediglich passiv. Die Spiritualität wäre dann geistgewirkt und ereignet sich quasi.

Spiritualität als:

  • Produktion vs. Emergenz
  • Geistliche Übung vs. Gnade

Vielleicht geht dieser dialektische Gegensatz auch nicht völlig auf. Erstens weil man daran schön den Gnadenstreit sehen kann. Ist Gott mir gnädig, kann ich seinen Geist auf mir und in mir spüren? Oder muss ich ihn mir erst verdienen, durch ein entsprechendes Leben, geistliche Übungen usw. Das sind eben zwei unterschiedliche Haltungen:

  • Selbst produzieren oder auftauchen sehen
  • Geistliche Übung oder Gnadengeschenk.

Und wir zweitens kennen das ja sicher auch von uns selbst. Manchmal geht die Grenze auch durch uns selbst durch. Manchmal hat man den Eindruck man wird spirituell beschenkt von Gottes Geist, der über einen kommt, ohne, dass man etwas dazugetan hätte… und ein anderes Mal wiederum findet man Halt in geistlichen Übungen, im Fasten, Meditieren, in Kontemplation, Exerzitien oder ähnlichem. Man schafft dabei bewusst Raum für Gott durch das eigene Handeln.

Zwischenergebnis: Also wir halten fest: Wir können nicht genau sagen, was Spiritualität ist und wir können auch nicht genau sagen, wer in der Spiritualität das Subjekt ist. Aber wir können deutlich erkennen, dass viel Bewegung in diesem Begriff steckt.

3. Bewegung

Ein Zitat von Martin Luther drückt das schön aus:

Das Leben ist nicht ein Frommsein,

sondern ein Frommwerden,

nicht eine Gesundheit,

sondern ein Gesundwerden,

nicht ein Sein, sondern ein Werden,

nicht eine Ruhe, sondern eine Übung.

Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber.

Es ist noch nicht getan oder geschehen,

es ist aber im Gang und im Schwang.

Es ist nicht das Ende, aber es ist der Weg.

Es glüht und glänzt noch nicht alles,

es reinigt sich aber alles.

 

Bewegung. Es scheint so, als wäre Spiritualität nichts Statisches. Das unverändert bleibt. Man spürt ihr etwas Bewegliches ab: Evolution, Veränderung, etwas Prozesshaftes. In diesem Prozesshaften steckt viel von der Beweglichkeit drin. Und in diese Richtung würde ich gerne mit euch auf Spiritualität gucken.

Prozesshaft und beweglich.

 

4. Kirchengeschichte

Wenn man in die Geschichte guckt, dann kann man unterschiedlichste Formen von Spiritualität wahrnehmen. Im Alten Testament schon, werden uns viele Formen von Spiritualität in den jüdischen geistlichen Übungen und Riten überliefert. Dort wird Spiritualität als das Streben bezeichnet, „an der transzendenten Wirklichkeit Gottes teilzuhaben“. Dieses Streben nach Gottes in Heiligkeit ist in den jüdischen Vorschriften auch heute noch genau beschrieben: „Das Wandeln auf Gottes Wegen“. Und diese Bewegung, dieses Wandeln (lalechet) und dieses Gehen (halakha) regelt viele Bereiche menschlichen Lebens. 613 liturgische und rituelle Gebote, die eine Art jüdische Gebrauchsanweisung zur Spiritualität sind.

Im neuen Testament begegnet uns dann eine Spiritualität, die auf Christus ausgerichtet. Die Nachfolge ist eine Lebensweise der christlichen Spiritualität.

Ein bisschen später, bei den Wüstenvätern verändert sich das Bild noch einmal. Diese frühchristlichen Mönche leben eine neue Form von Spiritualität. Alleine (als Eremiten) oder in kleinen Gruppen (als Koinobiten) leben sie in zurückgezogenes Leben in Askese, Gebet und Arbeit. ora et labora ist ja auch eine Form spirituellen Lebens.  Die ersten Ordensgründer geben dann diesem spirituellen monastischen Leben Ordnungen: Benedikt von Nursia (auf den die Benediktiner zurückgehen) oder Augustinus von Hippo (auf den Augustiner zurückgehen). Seine Bekenntnisse (confessiones) sind frühe Beispiele einer liturgischen Lebensschau. In diesem Bekenntnis ist die spirituelle Dimension die, die es an das Leben bindet. Hier ist es also nicht so sehr eine reine Sammlung von Gesetzen, sondern mehr eine Ordnung im Sinne einer Sehhilfe. Auf dem Weg des Suchens und Fragens unterstützt sie bei der Selbstreflektion.

„Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir, o Herr.“

Im Mittelalter entwickelt sich dann eine spezielle spirituelle Ausformung in der Frauenmystik. Einige sind ja auch heute noch sehr bekannt: Hildegard von Bingen, Mechthild von Magdeburg, Brigitta von Schweden. Neben sehr lebensnahen und lebenswirklichen Formen von Spiritualität, in der Medizin und Heilung, in der Musik, kann man hier auch tief theologische Fragestellungen ablesen. Spirituelle Fragen sind hier oft die ganz existentiellen Fragen nach Gottesferne und Heilsgewissheit.

Doch es gab nicht nur Mystikerinnen. Auch die Männer der Mystik haben eine besondere Form der Spiritualität geprägt:  Meister Eckhart, Johannes Tauler, Thomas von Aquin oder Bernhard von Clairvaux.

Wieder ein paar Jahre später zur Zeit der Reformation werden erneut neue Akzente gesetzt. Der ehemalige Mönch Martin Luther vertritt eine Spiritualität der Gnade. In ihr kann sich der Christ Gottes Nähe nicht durch geistliche Übungen, wie Kasteiung oder ähnliches erwerben. Gott kommt allein aus Gnade nahe. Unabhängig von unseren Anstrengungen.

Auf Seiten der Gegenreformation werden von Ignatius von Loyola, Teresa von Ávila und Johannes vom Kreuz andere Schwerpunkte gesetzt. Exerzitien kommen auf, neue Gebetsformen, liturgische Ordnungen und Gebetsformulare.

 

Warum habe ich euch auf diesen Ritt durch die Kirchengeschichte genommen? Zuerst weil ich finde, dass das, was wir zu Anfang festgestellt haben, sich auch in der Gesamtgeschichte zeigt. Spiritualität ist schlecht zu fassen, weil es so vielförmig, plural und bunt ist. Sie verändert sich je nach Zeit, Lebensumstand und ist stark individuell. Und zweitens haben wir auch noch mal genauer in die Kirchengeschichte geguckt, weil man hier merkt, dass vieles in Bewegung ist. Neue geistliche Übungen kommen auf und etablieren sich: Herzensgebet und später das Körpergebet, neue Meditationsformen und Exerzitien, das Pilgern, Lectio devina und später dann das Bibelteilen, Bibliodrama… Die subjektorientierte Spiritualität, als Selbstreflektion, straffe Ordensregeln bis hin zum rein kontemplativen Warten auf Gottes Handeln. Ein reines Hören und Schauen.

Wo ist jetzt in dieser ganzen Bewegung ein Ruhepol? Das klingt nämlich doch wirklich etwas ruhelos. Gibt es so etwas wie eine Balance, zwischen diesen Bewegungen, Strömungen, Verständnissen?

 

5. Balance

Ein Balancepaar hatten wir ja bereits anfangs. Es ist das Balancepaar Machen und Lassen, bzw. geschehen lassen. Zwischen Produktion und Emergenz, zwischen Geistlicher Übung und reiner Gnade. Dieses Gleichgewicht ereignet sich zwischen dem Gläubigen und Gott. Christlicher Glaube jedoch zeichnet sich jedoch besonders dadurch aus, dass er nicht beim einzelnen stehenbleibt. Christlicher Glaube ist in sich auf Gemeinschaft ausgelegt, weil Gott in sich Gemeinschaft ist. Gott Vater, Sohn und heiliger Geist. In dieser trinitarischen Verschiedenheit zeigt sich schon, dass wir uns als Christen alleine nie genügen können.

 

6. Missionarische Spiritualität (ÖRK Busan)

Hier ergibt sich ein neues Balancepaar: Die Spiritualität, die sich selbst genügt und die, die Gemeinschaft sucht. Die Selbstbezogenheit und die gemeinschaftliche.  Ich habe mal ein aktuelles Beispiel mitgebracht.

Viele von euch wissen ja vielleicht, dass gerade in Busan, in Süd-Korea die Vollversammlung des Ökumenischen Rates des Kirchen (ÖRK) getagt hat. Der ÖRK ist ein weltweiter Zusammenschluss von derzeit 349 Mitgliedskirchen in mehr als 120 Ländern auf allen Kontinenten. Bei den Vollversammlungen kommen somit unterschiedlichste Konfessionen, Kulturen und Frömmigkeitsformen zusammen. Neben dem Austausch und Netzwerken werden auch immer wieder Versuche unternommen sich auf gemeinsame Grundlagen zu verständigen. In Busan ist beispielsweise eine Grundsatzerklärung für  Mission und Evangelisation vorgestellt worden, die von allen Teilnehmerkirchen unterzeichnet worden ist. Wie der Name schon sagt, geht es darin schwerpunktmäßig um Mission und Evangelisation. Spannend ist nur, dass an vielen Stellen beides, Mission wie Evangelisation an Spiritualität rückgebunden wird. Das Papier umfasst 112 Punkte.

Ich möchte drei Stellen zitieren:

„Leben im Heiligen Geist ist das Wesen der Mission, der eigentliche Grund, warum wir tun, was wir tun, und wie wir unser Leben leben. Diese Spiritualität verleiht unserem Leben eine tiefe Bedeutung und treibt uns zum Handeln an. Sie ist eine heilige Gabe des Schöpfers, die Energie, die uns Kraft gibt, für das Leben einzutreten und es zu schützen. Missionarische Spiritualität hat eine dynamische Transformationskraft, die durch das geistliche Engagement von Menschen in der Lage ist, die Welt durch die Gnade Gottes zu verwandeln. Wie können wir zu einer Mission zurückfinden, die als transformative Spiritualität wirksam wird und für das Leben eintritt?“

 

„Missionarische Spiritualität ist immer verwandelnd. Sie leistet Widerstand gegen alle Leben zerstörenden Werte und Systeme, wo immer sie in unserer Wirtschaft, unserer Politik und selbst in unseren Kirchen am Werk sind, und versucht, diese zu verwandeln. „Unser treuer Glaube an Gott und an das Leben als Geschenk Gottes verlangt, dass wir uns gottlosen Behauptungen, ungerechten Systemen und der Politik der Herrschaft und der Ausbeutung, welche die heutige Weltwirtschaftsordnung prägen, entgegenstellen. Wirtschaft und wirtschaftliche Gerechtigkeit sind immer eine Frage des Glaubens, denn sie berühren den Kern des Willens Gottes zur Schöpfung.“

 

Spiritualität und Bewegung. Das ist hier ganz deutlich zu spüren. Politisches und soziales Engagement erwächst aus Spiritualität daraus. Das Spirituelle Geschehen ist somit nicht nur auf den Gläubigen und Gott begrenzt, sondern strahlt aus. Wie das aussehen kann, sagt uns Punkt 72:

„Während die Einheit des Geistes in der einen Kirche ein Herzensanliegen für uns ist, ist es ebenfalls wichtig zu würdigen, dass der Geist jede einzelne Ortsgemeinde anleitet, mit ihren eigenen kontextuellen Realitäten umzugehen. Die heutige veränderte Welt stellt Ortsgemeinden vor die Herausforderung, neue Initiativen zu ergreifen. So haben z.B. in der säkularisierten nördlichen Hemisphäre neue Formen kontextueller Mission, wie „neues Klosterleben“, „neue missionarische Gestalten von Kirche“ (emerging churches) und „missionarische Pilotprojekte“ (fresh expressions), zu einer neuen Artikulation und Verlebendigung von Kirche beigetragen.“

Neue Formen Kirche Seins und neue Formen von Spiritualität entstehen und sie werden auch wahrgenommen, sogar vom größten und umfassendsten Ökumenischen Zusammenschluss der Welt. Daher kann man sagen, dass nicht nur wir zwischen Gott und den Menschen pendeln, sondern auch Gottes Geist balanciert. Auch er hat eine inzentrische und eine exzentrische Dimension. Eine die auf unsere jeweilige persönliche Spiritualität ausgerichtet ist und eine, die uns nach draußen ruft. Raus aus der Komfortzone, raus in andere Kontexte in den bewussten Austausch mit anderen.

 

7. Fahrradspitualität (Madeleine Delbrêl)

Ich habe ein Beispiel mitgebacht von einer Frau, die für mich ein Vorbild ist, in Sachen auf die Straße gehen. Und damit meine ich nicht Demonstration, sondern Spiritualität. Straßenspiritualität. Madeleine Delbrêl war eine französische zeitgenössische Mystikerin des letzten Jahrhunderts. Sie wuchs in einem sehr politischen und einem sehr atheistischen Hintergrund auf. Schließlich fand sie zum Glauben und kam nach Ivry, einem Vorort von Paris. Dort übernahm sie mit weiteren Frauen eine Sozialstation. Ihre Arbeit war sehr praktisch und kontextuell, so gründete sie beispielsweise die Aktion „Die ausgestreckte Hand.“ Darin schlossen sich 1936 die Kommunisten und die Christen gegen die Faschisten vor Ort zusammen. Sie lebte mit den anderen Frauen in einer Nachfolgegemeinschaft. Sie verzichteten jedoch auf Ordensregeln und Gelübde. Es schloss sie nur der Wunsch zusammen, gemeinsam ein kontemplatives Leben inmitten der Stadt zu führen. Ihre wichtigste Aufgabe sahen die Mitglieder dabei in der Erfüllung des Doppelgebotes der Liebe.

Madeleine Delbrêl, die Mystikerin der Straße skizzierte ihre Spiritualität einmal so:

„Immer weiter!“, sagst du, Gott, zu uns
in allen Kurven des Evangelium.
Um die Richtung auf dich zu behalten,
müssen wir immer weitergehen,
selbst wenn unsere Trägheit verweilen möchte.

Du hast dir für uns
ein seltsames Gleichgewicht ausgedacht, ein Gleichgewicht,
in das man nicht hineinkommt
und das man nicht halten kann,
es sei denn in der Bewegung,
im schwungvollen Voran.

Es ist wie mit einem Fahrrad,
das sich nur gerade hält,
wenn es fährt;
es lehnt schief an der Wand,
bis man es zwischen die Beine nimmt
und davonbraust.

 

Ich finde hier ist das Bewegungs- und Balancebild fast perfekt. Es ist wichtig auf Gott zu hören, ihm kontemplativ Raum zu geben, aber auch wenn ich darin verweilen möchte, ruft mich etwas heraus. Das Fahrrad kann sich nur gerade halten, wenn es fährt. So bleibt auch der Mensch nur im Gleichgewicht, wenn er sich immer wieder von Gott her in Bewegung setzt. Wenn wir uns so durch ihn in Bewegung setzen, kommen wir ihm vielleicht näher als im reinen Schauen und Hören und Verweilen.

Das zweite Moment der „Fahrrad-Spiritualität“ bezieht sich auf das Fahren in der Nacht, unter widrigen Umständen.

„Du willst uns keine Landkarte zur Orientierung geben.

Unser Weg soll durch die Nacht führen.

Kommt eine neue Strecke, leuchtet ein Licht auf,

wie die Lampe eines Signals.

Oft ist das einzige, was sich sicher einstellt,

eine regelmäßige Müdigkeit aufgrund derselben Arbeit,

die täglich zu leisten ist, desselben Haushalts,

 der immer wiederkehrt, derselben Fehler,

die zu bekämpfen sind, derselben Dummheiten,

die wir vermeiden sollten“

 

Fahrradfahren bei Nacht. Oft neigen wir ja dazu unser spirituelles Leben zu romantisieren: Stille Zeit, Meditation, Pilgern, Zeit für Kontemplation und Betrachtung. Das Image dieser geistlichen Übungen ist super. Man verklärt das geradezu. Dass fast keiner regemäßig dazu kommt, in Exerzitien zu gehen oder morgens früher Aufzustehen, um den Tag in Stille mit den Losungen zu beginnen stört nur wenig.

Madeleine Delbrêl spricht aber gerade von einer Alltagsspiritualität. Einer Spiritualität mitten im Alltag.

„Man muss lernen, allein zu sein, immer wenn uns das Leben eine Pause gönnt. Und das Leben ist voll davon. Wir können sie entdecken oder achtlos verschwenden. Mag uns ein Tag noch so grau und schwer erscheinen, welch ein Aufleuchten für uns, wenn wir an all die hintereinander gereihten Begegnungen denken.

Welche Freude, zu wissen, dass wir unsere Augen zu Deinem Angesicht heben können, ganz allein, während die Suppe langsam aufkocht, während wir beim Telefon auf den Anschluss warten, während wir an der Haltestelle nach dem Bus Ausschau halten, während wir eine Treppe hinaufsteigen, während wir im Garten für den Salat ein wenig Petersilie holen.“

 

Madeleine Delbrêl ist für mich ein Beispiel für jemanden der spirituell im Gleichgewicht ist. Sie hat in ihrem Leben viel über die Balance in der Spiritualität nachgedacht.

An ihrem Leben kann man die verschiedenen Dimensionen aufzeigen, um die es mir heute ging.

–       Die Pluralität der Spiritualität, ihre vielen Facetten: Vom bewussten Gottesdienstbesuch bis zum bewussten Hinaufsteigen der Treppe. Es gibt nicht die eine Spiritualität. Die richtige. Das haben wir ja auch vorhin beim ABC gesehen. Es gibt nur richtige Zeitpunkte, richtige Kontexte und Persönlichkeiten, von denen die jeweilige Spiritualität abhängig ist.

–       Spiritualität ergibt sich in der Balance zwischen Tun und geschehen lassen. Zwischen Produktion und Emergenz, zwischen Geistlicher Übung und reiner Gnade einer Gottesbegegnung. Es geht nicht um eine Harmonisierung der Pole und auch nicht um eine Glättung, sondern um die Balance.

–       Spiritualität ist prozesshaft. Wir sind unterwegs mit unseren Rädern. Und wir werden erst ankommen, wenn das Ziel erreicht ist. Es ist kein Frommsein, sondern ein Frommwerden.

–       Spiritualität hält uns in Balance zwischen dem Verweilen bei Gott und dem Leben auf der Straße. Zwischen der Autopsie und Selbstzentriertheit einerseits und der Lust an Gemeinschaft und Mission andererseits.

–       Spiritualität ist nicht nur Händefalten und Pilgern, sondern kann auch soziales, gesellschaftliches Engagement sein, Dienst am Nächsten oder die Erfahrung von Gottes Nähe im Kartoffeln schälen.

–       Und schließlich:

Spiritualität ist somit und vor allem Balance. Balance in Bewegung.

 

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2 Gedanken zu »Spiritualität ist Balance in Bewegung«

  1. […] Sandra Bils – Spiritualität ist Balance in Bewegung (Hauptreferat) […]

  2. […] es lehnt schief an der Wand, bis man es zwischen die Beine nimmt und davonbraust.“ Hier der ganze Vortrag. Der zweite Teil des Themas, Begegnung, kam auch nicht zu kurz, viele Gespräche mit alten […]

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