Letzte Predigt auf den Dörfern

     Friede sei mit euch von Gott unserem Vater,

     und dem Herrn Jesus Christus.

     Amen.

Liebe Gemeinde, ich bin im Internet auf einen neuen Trend gestoßen.

Den Beschwerdechor.

Und das tolle ist, es gibt nicht nur einen Beschwerdechor sondern unzählige und es werden jeden Tag mehr.

Angefangen hat die Bewegung in Finnland, dort hat sich ein kleiner Chor zusammengefunden, dessen Lieder nur aus Beschwerden bestehen. Eine Beschwerde reiht sich an die nächste und wird von einem Chor vertont.

Da entstehen zum Teil ganz putzige Lieder. Mittlerweile hat jede größere Stadt in ziemlich vielen Ländern einen eigenen Beschwerdechor, in der jeweiligen Muttersprache versteht sich. Hildesheim hat beispielsweise auch einen.

Wie sich das anhört? Hier ein paar Textausschnitte:

Beschwerdechor Vancouver

Warum sind meine Füße so kalt?

In der anderen Schlange geht es immer schneller.

Was ich gestern gekauft habe, ist heute schon kaputt.

Mein Toast ist kalt.

Beschwerdechor Birmingham

Ich habe Durst!

Die Schnecken fressen meinen Salat!

Die Tage sind zu kurz.

Beschwerdechor Hamburg

Die Steuererklärung ist zu kompliziert.

Meine Mutter macht sich immer zu viele Sorgen.

Arme werden ärmer, Reiche immer reicher.

Überall Lidl, Penny, Aldi, die anderen Läden sind bald weg.

Die besten Filme laufen viel zu spät.

Beschwerdechor Helsinki

Keiner liebt mich wirklich!

Die Jobs verschwinden nach China.

Das Kabel vom Staubsauger ist zu kurz, genau wie der Sommer.

Mein Mann schnarcht zu laut.

Beschwerdechor Jerusalem

Bis der Lift kommt, habe ich schon die Treppe genommen.

Ich hab das ganze Wochenende nichts gemacht.

Die Weihnachtssaison fängt immer früher an.

Bananen haben nie den richtigen Reifegrad.

 

Und liebe Gemeinde, hätten sie mitsingen können? Naja, wie kennen die jeweilige Melodie nicht, aber der Text kommt uns doch vielleicht bekannt vor, oder?

Ich kam mir sehr ertappt vor. Bei vielen der Beschwerden. Ich hätte locker mitsingen können.

Und das sind ja nur die untergeordneten Probleme des Alltags. Die kleinen Hindernisse und Widrigkeiten.

Was machen wir dann erst mit den Großen?

Weltweit: mit Syrien, Fukushima und auch mit dem, was uns ganz nahe betrifft, dem Mann im Dorf, der seine Frau schlägt, der Familie, die die Schulbücher für die Kinder nicht zahlen kann?

 

Und was machen wir mit dem Tod? Mit diesem letzten großen riesen Problem, für das wir noch keine Lösung gefunden haben.

 

Unseren Predigttext für den heutigen Sonntag haben wir vorhin in der Evangeliumslesung schon einmal gehört.

Jesus kommt in eine Stadt und begegnet einem Beerdigungszug. Eine Witwe muss ihren einzigen Sohn beerdigen. Ein junger Bursche noch. Ein Jüngling – so heisst es im Bibeltext – aus einem Dorf Namens Naïn. Eine Mutter, die auch schon ihren Mann verloren hat, muss nun auch noch ihren einzigen Sohn im Jugendalter hergeben.

Muss man da noch mehr sagen? Wenn man so etwas hört, dann ist alles gesagt. Bei den alten Griechen gibt es den Satz, dass den Menschen kein größeres Leid geschehen könne als die eigenen Kinder sterben zu sehen.

Und so zieht die Witwe hinter dem Sarg ihres einzigen Sohnes hinterher und trauert, weil sie ihn beisetzen muss. Wir können nur ahnen, was sie gedacht und gefühlt haben muss. Wären wir am Straßenrand gewesen, hätten wir wahrscheinlich mit Entsetzen zu ihr hinübergeschaut. „Um Himmels willen, die arme Frau. Schau mal, letztes Jahr der Mann gestorben, nun auch noch der Sohn…“ Oder wir hätten uns sogar abgewandt, wir alle am Straßenrand, weil wir es nicht aushalten. So viel Trauer und Schmerz.

Wie wäre es Ihnen ergangen, liebe Gemeinde am Straßenrand, wenn der Trauerzug vorbeikommt? Was hätten Sie gemacht? Was hätten wir gemacht? Uns beschwert? Darin sind wir ja gut. Wie kann Gott das zulassen? So ein junger Bengel? Mensch! Hat doch das Leben noch vor sich gehabt. Die arme Frau.

Und wieder hören wir den Beschwerdechor singen – im Hintergrund. Im Beschweren sind wir nämlich gut, wir am Straßenrand, wenn wir den Tod vorbeiziehen sehen. Wie kann Gott das zulassen. So ein großer Mist.

Als Jesus die Frau sieht, geht er auf sie zu. „Er bekam Mitleid“ heißt es im Text. Er geht auf die Frau zu und sagt: „Du brauchst nicht zu weinen.“ Und er geht ganz nah an die Frau heran, berührt die Bahre, auf der ihr toter Sohn liegt. Erst jetzt bleiben alle stehen. Im Beerdigungszug. Und bemerken ihn. Vorher hatten Sie ihn vielleicht noch nicht wahrgenommen. Diesen Jesus. Die Witwe nicht, weil sie in ihrer Trauer gelähmt war und wir am Straßenrand nicht, weil wir ja so mit dem Beschweren beschäftigt waren.

„Du brauchst nicht zu weinen“ sagt Jesus zur Mutter und er wendet sich dem Toten zu und sagt: „Junger Mann. Steh auf!“ Und schon richtete sich der Jugendliche auf und begann zu reden. Jesus gab der Mutter ihren jungen Sohn zurück – lebendig.

Liebe Gemeinde, als ich den Predigtext für diesen Sonntag las, da war ich enttäuscht, muss ich Ihnen gestehen. Die Predigtexte für jeden einzelnen Sonntag sind ja vorgegeben. Ich kann mir sie aussuchen, sie sind festgelegt und wenn sie mich malkontrollieren wollen, die Angaben stehen sogar auch im Gesangbuch. Ab der Nummer 954 steht jeder einzelne Sonntag im Gesangbuch mit den Bibeltexten, die im jeweiligen Gottesdienst vorkommen sollen. Und für heute steht da Lukas 7 (Der Jüngling von Nain). Und ich hatte mir das etwas anders gedacht. Das heute ist vorerst meine letzte Predigt in Wilsche/Neubokel, als ihre Pastorin. Da wünscht man sich natürlich einen Predigtext, der leicht ist und geschmeidig. Mit dem man zaubern und die Gemeinde gewinnen kann. Und dann … „Der Jüngling von Nain.“ Ich habe mich sogar ein bisschen geärgert und kurz überlegt, einfach über etwas anderes zu predigen.

Aber, was dran ist, ist dran. Und ich glaube, liebe Gemeinde, das ist dran. Das, worum es in dieser Geschichte geht und das muss gepredigt werden. Dass, da der Tod auftritt. Mitten in der Geschichte. Der Tod von dem wir umgeben sind, egal wie sehr wir ihn verdrängen. Überall Krebs und Herzinfarkt und Autounfall um uns herum. Tod, Tod, Tod. Egal ob es uns passt oder nicht. Egal wie sehr wir verdrängen. Und wir lassen das Leben immer weitergehen. Trotz des Todes. Wir lassen uns nicht aus dem Schritt bringen. Der Beerdigungszug im Predigtext geht ja auch immer weiter. Er zieht voran. Schritt für Schritt. Bis Jesus auftaucht. Da bleibt die Menge stehen. Weil Jesus angesichts des Todes, der einzige ist, der sich dem Tod in dem Weg stellt. Er geht nah ran. Ganz nah. Und wir kriegen das zuerst gar nicht so recht mit. Weil wir so mit uns beschäftigt sind. In unserem Beschwerdechor singen wir ja alle mit. Solch ein Chor hat ja viele Stimmen. Fischerchöre sind nix dagegen. Und so singen wir uns selber ein Lied. Uns gegenseitig vor. „Wie kann Gott das zulassen.“ – heisst das Lied. Und wir sind so beschäftigt. Das wir gar nicht sehen, dass Gott selbst, in die Geschichte kommt, zu uns, und das Leben bringt.

Hätte ich solche Geschichten nicht, dann hätte ich in dieser Gemeinde nicht meinen Dienst tun können. Am Bett eines Sterbenden, beim Verkehrsunfall, bei der Beerdigung eines Babys.

Darüber muss gepredigt werden. Und daher bin ich eigentlich, doch ganz froh, dass dies der Predigtext ist, mit der ich mich hier verabschiede. Wenn ich Ihnen davon habe erzählen dürfen, was will ich mehr? Davon, dass es etwas gibt, das uns tragen kann, angesichts von Leid, Schmerz und Krankheit. Und Tod.

Aufstehen, auferstehen, das ist im Griechischen dasselbe Wort.

Jesus ist in der Geschichte der einzige, der auf die Trauernde zugeht und sich dem Tod in den Weg stellt. „Steh auf.“ – Das sagt er auch zu uns. Vielleicht denken wir mal alle daran, wenn wir uns das nächste Mal einstimmen, für den gemeinsamen Beschwerdechor. Wenn wir merken, dass wir unzufrieden werden und hoffnungslos. „Wie kann Gott das zulassen?“ Es gibt einen, der auf uns zukommt und sagt, „du brauchst nicht zu weinen“. Es gibt einen, der das Leben bringt.

Überhören Sie die Stimme nicht, liebe Gemeinde. Merken Sie sich seine Stimme! – Nicht meine! Dafür sind Pastoren total unwichtig. Ich kann nur von ihm erzählen. Und wenn ich Ihnen drei Jahre nur eines hätte predigen können, dann das! Merken Sie sich die Stimme, vom dem der sich querstellt, dem Tod in den Weg stellt. Von dem, der Tränen abwischt, nahekommt, der uns wieder auf die Beine bringt! Jesus.

„Steh auf.“

Aufstehen, auferstehen, das ist im Griechischen dasselbe Wort.

Amen.

 

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft,

bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.

 

Quelle: Beschwerdechorzitate in Auszügen aus https://www.facebook.com/brand.eins

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