Sehtest mit Jesus

Predigt zu Markus 8,22-26. (12. Sonntag nach Trinitatis, gehalten am 18.08.2013 in St. Nicolai Gifhorn)

Sehtest

 

Friede sei mit euch von Gott unserem Vater,
und dem Herrn Jesus Christus.
Amen.

Liebe Gemeinde,

der heutige Predigttext passt super zur Evangeliumslesung die wir gerade gehört haben.
Es ist auch ein Text aus dem Markusevangelium und es ist auch eine Heilung.
Nur wird hier nicht ein Taubstummer geheilt, sondern ein blinder Mensch.

Hören wir den Predigttext Mk 8, 22-25:

 22 Und Jesus und seine Jünger kamen nach Betsaida.
Dort brachten die Leute einen Blinden zu ihm.
Sie baten Jesus: „Berühre ihn!“
23 Und er nahm den Blinden bei der Hand und führte ihn aus dem Dorf heraus.
Dann spuckte Jesus ihm auf die Augen, legte seine Hände darauf und fragte ihn: „Was siehst du?“
24 Er blickte auf und antwortete: „Ich sehe Menschen. Sie sehen aus wie Bäume, die herumgehen.“
25 Noch einmal legte Jesus ihm die Hände auf seine Augen. Da konnte er klar sehen. Er war geheilt und konnte alles deutlich erkennen.

 

Liebe Gemeinde. Wie viele Heilungsgeschichten aus der Bibel kennen Sie? Viele sicherlich. Blinde, Taube, Lahme. Menschen mit Blutfluss und Aussatz und so weiter und so weiter.

Und wie geht es Ihnen, wenn Sie solche Geschichten hören? Oft identifiziert man sich ja mit einer Person in der Geschichte oder es gibt ein spezielles Thema in der jeweiligen Bibelgeschichte, das besonders fasziniert oder anregt. Da bleibt man dann hängen oder vergleicht das mit der eigenen Situation. Jeder und jede von uns hört all diese Geschichten anders. Jeder und jede auf seine oder ihre eigeneWeise.

Wie ist das aber mit diesen Geschichten genau?
Also ich bin nicht blind (noch nicht, sagen jetzt vielleicht einige von Ihnen. Noch nicht, schon bald und die Frau Pastorin braucht auch ne Lesebrille)… Ja, ja Sie haben schon recht. Aber so richtig blind bin ich nicht.

Und Taub? Taub bin ich auch nicht. Ich kann zwar in der Tat nicht so gut hören, aber das ist absolut nicht zu vergleichen, mit jemandem der gehörlos ist und in seiner Umwelt an Tönen und Geräuschen nichts wahrnimmt.

Also, wie halten fest, ich bin weder blind noch taub. Den meisten von Ihnen wird das genauso gehen, liebe Gemeinde.

Also, was machen wir mit dieser Geschichte? Wir können uns nicht mit dem Blinden identifizieren. Schließlich sind wir ja nicht blind, – also hat es nichts mit uns zu tun.

Tja, werden nun einige von Ihnen sagen, das muss man ja auch übertragen denken. Man kann das ja auch metaphorisch sehen, symbolisch, sinnbildlich.

Das stimmt natürlich, aber ich möchte heute mit Ihnen einen Schritt weiter. Kann es nicht vielleicht so sein, dass wir gerade deshalb blind und taub sind, weil wir denken, manche Bibelgeschichten haben nichts mit uns zu tun?
Liegt nicht vielleicht gerade da unser blinder Fleck?

In den Sommerferien findet im Landbereich immer eine Sommerkirche statt. Wilsche, Neubokel, Gamsen und Kästorf tun sich zusammen und feiern gemeinsam Gottesdienst zu einem Thema. In diesem Jahr war das Thema der Predigtreihe „Gleichnisse“.

Und bei der Predigtvorbereitung dieser Predigten ist in diesem Jahr etwas ganz deutlich immer wieder aufgefallen. Eine Frage:
Wie funktioniert diese Gleichung, diese Übertragung. Wie funktioniert bei Jesus dieses Methaphorische, Symbolische?

Jesus verlangt in unheimlich vielen Geschichten von uns einen Transfer. Er verlangt von uns, dass wir uns in andere Personen hineinversetzen und in deren Schuhe schlüpfen.

Ich mache ein Beispiel.
Wir alle kennen ja das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter aus Lukas 10.
Ein Mann ist unterwegs und wird überfallen. Ein Priester, ein Gesetzeshüter und ein Ausländer kommen am Tatort vorbei. Priester und Gesetzeshüter gehen vorbei, allein der Fremde kümmert sich um den Überfallenen, bringt ihn in einer Herberge und zahlt für seine Versorgung.

Bekannte Geschichte.
Ich habe Sie Ihnen jetzt noch einmal in Gedächtnis gerufen, weil ich testen möchte, mit wem Sie sich identifiziert haben. Welche Person in dieser Geschichte ist ihnen nahe?

• Der Überfallene?
• Oder die Räuber?
• Der Priester?
• Der Levit?
• Oder der Samariter?

Wer in der Geschichte ist Ihnen nahe?
Alles in der Geschichte läuft auf den Samariter hin. Auf den Wohltäter aus dem fremden Land.
Er ist Role-Model und Vorbild. Die Beispielfigur.
Aber er ist ja auch nicht die einzige Figur im Gleichnis. Es gibt ja auch noch die mindestens fünf anderen Personen.
Wer von Ihnen hat sich beispielsweise mit dem Levit oder dem Priester identifiziert?

Warum denken wir nicht über die nach?
Ist uns wahrscheinlich zu weit weg. Die Situationen in denen wir vorbeigehen…

Da haben wir eben einen blinden Fleck und sind auf dem Auge blind. Wir haben da oft eine selektive Wahrnehmung. Manchmal bewusst und manchmal unbewusst. Und obwohl wir manchmal ganz schöne Räuber im Alltag sind, identifizieren wir uns sicherlich fast NIE mit den Räubern in der Geschichte vom Barmherzigen Samariter.

Sehen Sie! Ich sage es ja, auf dem Auge sind wir blind, auf dem Ohr sind wir taub.

Womit wir wieder bei unserem eigentlichen Predigttext sind.
Achten Sie mal drauf. Wie Sie texte hören und lesen. Wer oder was Ihnen da nahe ist!

Denn wir hören und lesen die Bibeltexte auf eine bestimmte Weise. Auf unsere eigene Weise.

Und manches Mal sind wir darin aber blind und taub. Manchmal sehen wir verzehrt und nicht scharf.
„Ich sehe Menschen. Sie sehen aus wie Bäume, die herumgehen.“
sagt der Blinde im Bibeltext. Was soviel heißt wie „unscharf“ und „ohne Fokus“. Er erkennt nicht wirklich, was um ihn herum geschieht.

Und liebe Gemeinde, schon sind wir wieder im Spiel. Denn diese Form der Sehstörung haben sicherlich die meisten von uns, – wenn nicht sogar alle.

Wie oft sehen wir nicht genau hin, wie oft erkennen wir oft nicht was wirklich los ist.

Wenn wir dieser Tage Ägypten sehen.

Sehen wir dann nur das Urlaubsland mit den vielen schönen Erinnerungen aus dem letzten Sommerurlaub?
Oder ein orientalisches Land, das weit weg ist und das uns eigentlich nichts angeht?
Oder ein Land, das zwischen den verschiedenen Religionen aufgerieben ist und im Neuaufbruch keine ausgeglichene Mitte findet?

Wir spielen jetzt nochmal das Spiel, wie gerade, liebe Gemeinde.
Können wir uns da hinenversetzen?
Können wir uns damit identifizieren? Mit den Ägyptern?
Mit diesem Land im Ausnahmezustand, in dem Kirchen brennen, Menschen sterben und alles im Chaos versinkt?

Vielleicht will uns Jesus von dieser Blindheit heilen, die die meisten von uns befallen hat. Da hilft nämlich keine Brille.
Wir sind blind, wenn wir in der Tagesschau die grausamen Bilder sehen, und denken: Wir sind ja weit weg. Was haben die mit mir zu tun?

Aber Jesus sieht das anders:

1. Erzählt er oft in Gleichnissen, in Vergleichen, in Symbolen und Metaphern in die wir uns hineinversetzen sollen, damit wir an den eigentlichen Kern der Geschichte kommen.
2. Handeln die Jesusgeschichten oft von Heilungen. Jesus lässt uns in der Blindheit nicht hängen. Er eröffnet uns eine neue Perspektive. Er will nicht akzeptieren, dass wir so blind und unklar geworden sind. Er schenkt einen neuen Blickwinkel auf die Situation.

In beiden Heilungsgeschichten nimmt Jesus die Kranken bei der Hand und geht mit ihnen an einen ruhigen Ort. Das sind keine Heilungen auf den Marktplätzen, kein öffentliches Happening, wo er vor aller Augen ein Wunder vollbringt.
Es ist eher eine Sache zwischen Jesus und dem einzelnen.
Er zieht sie in eine ruhige Seitengasse, an einen ruhigen Ort und sagt zum Tauben „öffne dich“ und zum Blinden „Was siehst du?“.

Hand aufs Herz, liebe Gemeinde, wann haben Sie sich das letzte Mal von Jesus bei der Hand nehmen lassen und sind mit ihm an einen ruhigen Ort gegangen, an dem sie sich öffnen konnten und ihm ehrlich sagen, wie Sie das Leben und die Welt so sehen? Denn davon handelt ja die Geschichte.

Wann haben Sie das letzte Mal zugelassen, dass Jesus ihre Perspektive ändert? Ihnen Menschen, Beispiele und Situationen vor Augen führt mit denen Sie sich vorher noch nie auseinander gesetzt haben?
Wann haben Sie sich das letzte Mal von ihm die Augen öffnen lassen? Effata – Öffne dich.

Denn eines muss man einmal deutlich sagen: Der Blinde wird nicht nur dadurch sehend, dass Jesus ihm Spucke auf die Augen reibt. Und der Taube wird nicht nur dadurch hörend indem Jesus ihm Finger in Ohren und Mund steckt…
Es ist noch etwas anderes.

Als Kind, wenn man hingefallen ist, tat es auch plötzlich nur noch halb so weh, wenn die Mutter auf das Knie gepustet hat.
Genau das ist es, liebe Gemeinde.
Es ist Nähe und Liebe und Aufmerksamkeit.
In Gottes Nähe werden wir heil, da tut alles nur noch halb so weh…

Vielleicht nehmen wir alle das mal als Hausaufgabe mit.
Einen Sehtest im Alltag. Prüfen wir mal unsere Augen im Alltag. Wo sind die Blinden Flecken? Worauf habe ich noch nie ein Auge geworfen? Wo drücken wir ein Auge zu?
Lassen Sie uns mal einen Sehtest machen in den nächsten Wochen. Sicherlich werden wir erstaunt sein, wo wir schlecht sehen.
Mit dem Ergebnis unseres Sehtests können wir dann ja mal zu Jesus gehen, an einen ruhigen Ort. Und da können wir uns mal von ihm sagen lassen:
„Effata – Öffne dich. Wie siehst du das?“
Und dann geschieht vielleicht das Gleiche, wie beim Blinden Mann:

„Da konnte er klar sehen“, heißt es bei Markus, „da konnte er alles deutlich erkennen.“
Amen.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft,
bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn.
Amen.

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