Ökumenische Liederwerkstatt

Seit Anfang April arbeite ich beim Deutschen Evangelischen Kirchentag und bin dorthin von meiner Landeskirche mit einem befristeten Sonderauftrag (Sondervikariat) entsandt.
Meine Anstellung ist projektgebunden an die Vorbereitung des Ökumenischen Kirchentags in München 2010. Mein Dienstsitz wird Fulda sein, ansonsten werde ich mehr oder weniger auf den Schienen der Nation leben, da ich viele Termine in ganz Deutschland wahrnehmen werde. Ein super spannender Job, ich bin sehr motiviert und neugierig. Ich werde schwerpunktmäßig im Pastorat mit Kirchentagspastor Joachim Lenz zusammenarbeiten: d.h. viel inhaltliche und thematische Arbeit, Abstimmung mit den unterschiedlichen Projektkommissionen und all dies auf ökumenischer Ebene.

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(Foto: Lothar Veit)

Eine meiner ersten Veranstaltungen für den Kirchentag war die Ökumenische Liederwerkstatt im Michaeliskloster in Hildesheim.
Fast 40 Liedermacher, Komponisten und Texter aus evangelischem, katholischem und freikirchlichem Background haben sich drei Tage lang der kreativen Produktion gewidmet. Heraus kamen über 120 Lieder, die nun von einer speziellen Projektkomission auf ihre Verwendbarkeit für das ÖKT-Liederbuch geprüft werden.
Faszinierend, wie kreativ und produktiv diese Profis waren. Hinweise wie „wir brauchen unbedingt noch ein Lied für den frühen Abend, nicht immer nur Gute-Nacht Lieder“ wurden prompt umgesetzt. 2 Std. später gab es mehrere entsprechende Lieder mit komplettem Satz und Text. Wahnsinn.
Am meisten hat mich die Buntheit der Gruppe gefreut (Männer/Frauen, Haupt- und Nebenberufliche, Altersmix, Konfessionsmix, Frömmigkeitsmix, Stilmix) das einzig einende war die Liebe zur (Kirchen-)musik und die Freude am Entwickeln.
Abgeschlossen wurde die Woche mit einem Best-of Abend, an dem 40 Lieder die in der Woche entstanden waren, gemeinsam gesungen und musiziert wurden. Es entstand eine richtig dichte Atmosphäre. Zwischen fetzig und poppig bis hin zu ruhig und melancholisch war alles dabei.

Ein schöner Start in die neue Aufgabe.

Frauen im Pfarramt

Was sich für die Landeskirche mittlerweile normalisiert hat, ist in anderen Konfessionen weiterhin ein Diskussionsthema.
Frauen im Pfarramt. Die Zahlen der neuimmatrikulierten Theologiestudenten steigen und unter ihnen sind 60% Frauen.
(Darunter auch auch eine ehemalige Jugendliche aus der Jugendarbeit meiner Vikariatsgemeinde. Sie wurde für einen Artikel von Spiegel Online interviewt, in dem es auch um jenes Thema geht.)
Die Zahlen sprechen für sich. 50/50. Keine Quotenregelung notwendig, da sich männliche und weibliche Theologiestudentin artig und geschwisterlich die evangelischen Studienbänke teilen.

So einfach ist es aber nicht. In höheren Positionen der Landeskirchen ist die Luft für Frauen weiterhin sehr ausgedünnt. Erst 1992 wurde Maria Jepsen weltweit die erste lutherische Bischöfin. Neben ihr sind heute Margot Käßmann sowie Bärbel Wartenberg-Potter lutherische Bischöfinnen in Deutschland. Weltweit gibt es im Luthertum 24 Bischöfinnen und drei Kirchenpräsidentinnen. Weiterhin lehnen jedoch von den 140 Mitgliedskirchen des Lutherischen Weltbundes 37 die Frauenordination ab. Eine von ihnen ist beispielsweise die Missouri Synod, die in Amerika, die konservativste Lutherische Kirche darstellt. (Dazu auch ein spannender Post von Nadia Bolz-Webber zum Thema Frauenordination.)
Abgesehen von den strukturellen Steinen, die Frauen in den Weg gelegt werden sind auch genderspezifische Probleme zu diskutieren. Wie bsp. ausführlich während des Emergent Forums 2008 in Erlangen. Während und nach dem grandiosen Vortrag von Stini Müller. Nachzuhören auf der Seite von Emergent-Deutschland. Ein sehr prägender Vortrag für das Forum, meiner Meinung nach (Soweit ich das als Außenstehende beurteilen kann.) Auch danach wurde besonderes dieser Vortrag in Blogs noch weiter diskutiert. (z.B. Hier, Hier und Hier.) Verinnerlichte Sexismen beeinflussen einfach die Gemeindearbeit, egal ob auch haupt- oder ehrenamtlicher Ebene.

So, das wollte gesagt werden am Weltfrauentag.

Alles geben

Über das Collide Magazine bin ich auf die Waterfront Church in Schaumburg Illinios gestoßen.
Sie geben 100% ihrer Sonntagmorgen-Kollekten an Bedürftige weiter. Alle weiteren Kollekten nutzen sie für ihren eigenen Haushalt. Weiter haben sie ein Sponsorensystem, dass regelmäßige Kosten (Pastorengehalt usw.) bestreitet. Da sie sehr günstig kalkulieren (keine Gebäudekosten durch das Mieten einer Highschool) scheint das Geld zu reichen.
Durch die Sonntagmorgenkollekte unterstützen sie ortsnahe Diakonie und versuchen durch das bereitgestellte Geld die Gemeinde für Bedürftigkeit in ihrem Umfeld zu sensibilisieren. Das funktioniert entweder ganz bürokratisch bei großen Unterstützungen bis zu 11.000$ für eine alleinerziehende Mutter eines behinderten Kindes bis zu hin zu einzelnen Sonntagen mit sog. „reverse offerings“. Ein Klingelbeutel mit 5$, 10$, 20$, und 50$ Scheinen wird herumgegeben jeder kann einen Schein herausnehmen, der eine Idee hat, wem er mit dem Geld finanziell unterstützen möchte.
(Hier in weiterer Artikel dazu)

In Deutschland läuft das eher im Kleinen. So die Gemeinde in Collinghorst, die im Gottesdienst 200€ in 5 Euroscheinen verteilte und den Menschen ein paar Monate Zeit gab, das Geld zu vermehren. Ein riesen Medienrummel (Hier eine Presseschau). Das so erwirtschaftete Geld (2200€) ging zu gleichen Teilen an die Tafel in Rhauderfehn und an Teestube „Lütje Drüppel“ (Niedrige Schwelle – Spitzen Name finde ich!). Ein etwas anderer Ansatz. Das Geldvermehren stand im Vordergrund nicht so sehr das großzügige Geben des Erlöses im Nachhinein.

Haushalterschaft auf Basisebene. Im Kirchensteuersystem gar nicht so einfach. Solche – ich gebe zu – sehr mutigen Geschichten können aber die Grundhaltung verändern, wie wir mit dem Geld, das uns anvertraut ist, sinnvoll umgehen.

semper reformanda

Vor gut einem Jahr hatte Dan Kimball mal über eine Veranstaltung mit Jugendleitern der Lutherischen Missouri Synod in Amerika berichtet. Er erzählte damals von einem Podium, wo über das Thema „Was würde Martin Luther tun und worauf würde er sich konzentrieren, wenn er heute eine Gemeinde beginnen und leiten würde?“

Er nennt als Punkte die ihm einfielen und die es zu reflektieren gilt:

  • What would be the theological issues would be his concerns and what he would be taking stands for (or against) in today’s current theologically diverse landscape?
  • Would he write music as he did then using the cultural music genres of his day (he wrote classic hymns such A Mighty Fortress is our God)? Would we see Martin Luther hip hop worship songs? Or Martin Luther rock worship songs? Would he listen to mainly contemporary Christian pop worship music on his iPod?
  • Would he find local pubs and as part of his ministry hold „Theology pubs“ and drink beer with people while discussing theological topics? (It is common knowledge he did like beer).
  • If Martin Luther was a youth pastor today, where would he be getting in trouble in his church? What changes would be want to make to the average church if he was a 29 year old young pastor going into the average church in today’s culture?
  • Would Luther change the lay out of a church meeting place and take out the pews and when he preached he wouldn’t want to preach from behind those large pulpits in some churches?
  • Would a 29 year old Luther wear a suit when preaching in today’s culture? Would he ever wear a robe? Would he wear jeans in Sunday church meetings?
  • If he was a youth pastor, would he be on staff at John MacArthur’s church? Would he cause trouble there or fit in there? Would be on staff at Mars Hill Seattle or Mars Hill Grand Rapids and fit in one of them? Where would he choose to go to seminary today?
  • Would Luther be taken seriously only being in his late 20’s to make major change in established churches today? Would his innovation and desire to make the changes needed to communicate the gospel in our culture today be stifled and not listened to by senior pastors and elders at the local church he would be serving at?
  • Would he stay in the Lutheran denomination?

(Zitat: Dan Kimball)

„Was würde Martin Luther tun und worauf würde er sich konzentrieren, wenn er heute eine Gemeinde beginnen und leiten würde?“
Eine spannende Frage. Ab und an habe ich immer wieder drüber nachgedacht. Mittlerweile auch das Buch von Klaus Douglass gelesen. („Die neue Reformation. 96 Thesen zur Zukunft der Kirche.“ (Klaus Douglass)) Habe es als sehr anregend empfunden.

In den ersten zwei Wochen dieses Jahres begegnete mir das Thema Reformation noch einmal neu. Ich habe Auszubildende der Verwaltung unserer Landeskirche im Fach „Leben und Lehre in der Kirche“ unterrichtet. Dieses Fach ist für kirchliche Verwaltungsangestellte in der Ausbildung obligatorisch und soll ihnen einen weiteren Zugang zu den Themenfeldern ermöglichen, mit denen sie täglich zu tun haben – nur eben nicht schwerpunktmäßig in punkto Verwaltung und Bürokratie, sondern eben von Seiten der Kirche und des gemeindlichen Lebens her. (Lernfelder: Kirchenjahr, Gottesdienst, Gesangbuch, Bibel, Lutherische Kirche und ihre Tätigkeitsfelder, Luther und Reformation, Kasualien, Sakramente – Abendmahl und Taufe).
Das Unterrichten hat großen Spaß gemacht. Meistens bekommt man ja beim Vermitteln noch mal die Chance, eigene blinde Flecken zu entdecken/erhellen, Interessen zu vertiefen. Durch die motivieren Auszubildenden habe ich in den lebhaften Unterrichtsgesprächen echt noch mal viel dazugelernt.
In Erinnerung ist mir besonders der Blocktag zum Thema Reformation geblieben.
Aufgabe war: „Seien Sie selbst Martin Luther. Welche 10 Thesen würden Sie heute zur Reformation der Kirche diskutieren wollen?“

Hier einige der Antworten des Brainstormings:

Bereich Gottesdienst

• Mehr Themengottesdienste
• Variablere Gottesdienstzeiten
• Schönere Gestaltung (individueller, nicht 0-8-15)
• Gospelgottesdienste
• Gottesdienste sollen „Feiercharakter“ ausbauen, nicht so traurig und ernst sein

Bereich Gemeindearbeit und Landeskirche

Konzerte, „Aufführungen“ und Programme in Gemeinden fördern
Mehr „Kirche zum Mitmachen“ (Projektartige Mitarbeit)
Mehr Gemeindefeste (wir feiern zu wenig)
Ausweitung der Arbeit an Schnittstelle Schule um Jugend zu erreichen
Mehr Jugendarbeit in Form von Jugendgottesdiensten
Mehr Jugendarbeit in Form von offenen Treffs
Verbesserung des Religionsunterrichtes (Viele Stunden werden leider gestrichen oder fallen aus. Außerdem Wunsch nach besser ausgebildeten Lehrer, die sich auch mit Kirche identifizieren)
Strukturell eine größere Flexibilität der Arbeit der Pastoren ermöglichen. (Interessen- und gabenspezifischer Einsatz auf regionaler Ebene)
Professionellere/Effektivere Öffentlichkeitsarbeit
Mehr inhaltliche Profilierung und „Aufklärung“ (Bezugspunkte für Nicht-Christen herstellen)
Gleichgeschlechtliche Ehen/Segnungen möglich machen

Ein schöner Querschnitt an Meinungen und Priosetzungen von Kirchenmitgliedern im Alter von 20-30 der evangelisch-lutherischen Landeskirche.

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